3 Okt 2013

Zweitausendeins

Submitted by ebertus

Bild und Zusammenstellung: Bernd Ebert


"Früher wurden die aus dem gleichnamigen Versand hervorgegangenen Läden noch fast ausschließlich von Studenten und Alternativen frequentiert; mittlerweile kann man sie jedoch guten Gewissens als eine Shopping-Alternative für die ganze Familie bezeichnen."

 

 

 


 

Bereits in den 1970ern , im ehemaligen West-Berlin gab es diesen Laden an der Kantstraße und gleich der erste Kommentator hier im Link hat das gemäß obigem Zitat wohl richtig erkannt. Damals waren wir sog. Alt68er noch garnicht so alt, dieser Laden in der Kantstraße ein Teil der Degenhardt'schen Schmuddelkinderkultur. Viele der beinahe nur dort erhältlichen und bei entspanntem Stöbern erstandenen Bücher stehen auch heute noch in meiner Regalwand, werden gar immer mal wieder -allerdings sehr selektiv- dann nachgelesen.

Heute, nach einem technisch orientierten langen Marsch durch die Institutionen (wenngleich privatwirtschaftlich orientiert) ist es hohe Zeit neben anderen, vielleicht eher trivialen Interessen auch diesen alten Spuren nachzugehen; gerade was Kunst und Kultur, die sog. brotlosen Künste der Kultur- und Geisteswissenschaften angeht. Vor zwei Jahren habe ich mich für das Merkheft bei Zweitausendeins eingetragen, welches seit dieser Zeit nun monatlich mit der Post in das Haus kommt. Lesen, Markieren, etwas (im Netz) Recherchieren und manchmal eben hinfahren. Dort noch weiter stöbern, über das Geplante hinaus auch schon mal sehr spontan kaufen. Und, wie bei dem aktuellen Besuch, nicht nur für den Eigenbedarf.

Gezielt ein aktuelles Buch und nach wie vor preisgebunden dort erstehen, weil dies dringend und sehr zeitnah zu lesen wäre, das ist eher die Ausnahme, in der Regel eh' nicht im Sortiment. Zweitausendeins bietet in erster Linie preisreduzierte Restbestände, Sonderausgaben oder auch sog. Mängelexemplare; bei denen ich bislang noch keinen wirklichen Mangel feststellen konnte. Über diese Qualifizierung die Preisbindung zu unterlaufen, das scheint mir eher die Intention bei Erkennung von "Mängeln". Wie dem auch sei, geplant oder spontan, der mitgebrachte Stoffbeutel reichte diesmal kaum aus. Wobei mir heute die Filiale in der Friedrichstraße und direkt an der U-Bahnstation "Oranienburger Tor" verkehrsgünstiger liegt als die nach wie vor bestehenden Räumlichkeiten in der Kantstraße. Nun zu dieser gerade, am Dienstag erstandenen Wundertüte...

Das "Schwarzbuch Kapitalismus" von Robert Kurz ist wohl ein bzw. "das" Standardwerk moderner Kapitalismuskritik. Wobei sich mein Zugang zum Autor über dessen Buch "Die Antideutsche Ideologie" aus 2003 gestaltete. Wahrscheinlich werde ich die in kleiner Schrift gedruckten gut 800 Seiten des nun erstandenen Werkes eher nur nachschlagend gezielt, sehr selektiv lesen, dann bei Gelegenheit auch schon mal zitieren. Gerade Robert Kurz wandte sich ja 2003 von den antideutschen Bellizisten und sonstigen Bejublern eines amerikanisch dominierten Imperialismus und Neokolonialismus ab, brachte mit "Weltordnungskrieg" im selben Jahr ein weiteres Buch heraus, dessen Tenor und negative Visionen heute bereits ein gutes Stück weit wahr geworden sind.

"Gesammelte Werke I und II" von Walter Benjamin ist wohl eine Sonderausgabe von Zweitausendeins. Die zwei Bände bringen es zusammen auf mehr als 2.000 Seiten und sind glücklicherweise nicht ganz so eng/klein gedruckt. Benjamin wird nicht zuletzt von zwei (mir) etwas geläufigeren Autorinnen (Hannah Arendt und Judith Butler) immer wieder gern erwähnt und zitiert, ist dahingehend beinahe ein "must read" und wird meinerseits und aus heutiger Sicht dann wohl umfangreicher gelesen werden als das vorgenannte Buch von Robert Kurz. 

"Jenseits von Schuld und Sühne", ein Text von Jean Amery und hier als Hörbuch auf vier CD's erstanden kommt umgehend auf den MP3-Player und ist dann auch mit geschlossenen Augen zu konsumieren; falls man dahingehend von Konsum sprechen kann. Amery wird gern von den sog. Antideutschen erwähnt, auf sein Werk Bezug genommen. Für mich stellt sich dabei die Frage, ob der weitgehend säkular-atheistische, der bedingungslose Israelsupport hierzulande Amery wie auch Adorno nicht nur als Fetisch, als Alibi benutzt, wo es doch den best friends eher nicht um origin Jüdisches (Religion, Kultur, Philosophie) geht -wie dies auch gerade zur sog. Beschneidungsdebatte erkennbar wurde- das gern erwähnte "Judenblut" lediglich bzw. weitgehend als historischer, in der Regel andere diffamierender Gruselfetisch instrumentalisiert wird.

"Bei den wilden Kerlen" von Dave Eggers bleibt via einem sehr speziellen Aspekt ein wenig in vorgenanntem jüdisch zentrierten Kontext. Eigentlich eine Art Kinderbuch, so kamen diese Figuren, die wilden Kerle vor wenigen Wochen in Zusammenhang mit einer angeblich antisemitischen Karikatur bei der SZ in den Blick, die Diskussion. Ernst Kahl, dessen Karikatur die SZ verwendete ist nach meinem Empfinden sichtbar beeinflußt von Maurice Sendak, dem Schöpfer dieser Figuren. Das Buch eignet sich auch Geschenk; vielleicht.

"Eine Geschichte des Amerikanischen Volkes" von Howard Zinn wurde mitzubringen mir aufgetragen. Die Geschichte Amerikas "von unten" erzählt und dokumentiert, fern der üblichen Huldigung weisser Männer, einer verklärenden Cowboyromantik. Fast 700 Seiten und leider ebenfalls in sehr kleiner Schrift gesetzt.

Last but not least "Windows 7 intern" der einschlägig bekannten Firma Data Becker sei hier der Vollständigkeit halber erwähnt und ist ein wenig der eigenen, auch beruflichen Historie geschuldet. Ein reines Nachschlagewerk und falls auch nur wenige Zeilen bzw. Seiten Interna mein Wissen erweitern, dann hat sich der Kauf dieses wirklichen Schnäppchen bereits gelohnt.

 

Derridas "Schurken"

Heute war mal wieder ein Besuch bei 2001 angesagt. Nein, nicht so ein umfangreicher Kauf wie vor einigen Wochen und hier im Blogtext thematisiert; eher schauen, stöbern und sich dann bescheiden. Drei Bücher waren gemäß dem Merkheft (Novemberausgabe) markiert:

"Beschreibung des Menschen" von Hans Blumenberg,

"Algerische Skizzen" von Pierre Bourdieu,

"Schurken" von Jacques Derrida.

Ok, letztgenanntes wurde es dann -der (relativ neue) Begriff von den sog. Schurkenstaaten hat es mir in Blogs und Kommentaren immer mal angetan- und für schlappe 9,95 Euro wurde das Büchlein mit Sicherheit nicht zu teuer erstanden. Der Bourdieu darf vorerst noch hinter Frantz Fanons "Verdammten..." zurückstehen und für den Blumenberg habe ich (momentan) wohl nicht so die erforderliche, die ausdauernde Muße.

Derrida-Link zum Perlentaucher

"Zweitausendeins ist längst ein Zuschussgeschäft.

Die Zahl der Mitarbeiter wurde innerhalb von drei Jahren halbiert, der Umsatz sank trotzdem von 35 auf mittlerweile 17 Millionen Euro. Obwohl sie lange vor Zalando und Amazon verschickten, hat ausgerechnet Zweitausendeins die Zukunft verschlafen. Dafür hat man sich Schnäppchenjäger herangezogen, die alles immer noch massenhafter und noch billiger im Internet aufspüren können. Eine Welt geht unter.°

Das sagt doch eigentlich alles...... Lamentieren hilft nicht mehr.

Eigentlich schade, aber...

wohl der Zug der Zeit.

"Die Odyssee ist zu Ende, das Märchen von Zweitausendeins auch."

Einige der (ehemaligen) Filialkunden werden dann auf das Internet umsteigen, soweit sie dort nicht bereits andere Bezugsquellen nutzen. Mir hat eher das Hingehen und sich animieren lassen etwas gegeben; und das kommt (bei mir) relativ selten vor.

Der Link zur SZ