15 Aug 2014

"Hetzer", ein unhistorischer reload

Submitted by ebertus

Godwin's Law ist gängiger Bestandteil auch intellektuell sich gebender Diskurse. (Nazi)vergleiche sind en vogue, implizit wie explizit. Manchmal kommen sie aus einer Ecke, wo man das bislang nicht für möglich gehalten hätte.

Der Freitagsblogger Schlesinger nennt Evelyn Hecht-Galinski eine "Hetzerin", ganz frank und frei in einem Kommentar zu seinem aktuellen Blog. Wenn mir nicht bekannt wäre, dass Schlesingers Schreiben (und wohl auch Denken) schon mal bessere Zeiten gesehen hat, dann dürfte diese möglicherweise auch justiziable Qualifizierung mir kaum den Einwand hier wert sein. Aber so...

Ausgangspunkt ist ein etwas schräger Text von Ulrich Beck in der SZ, der selbst schon Zeichen von Antisemitismus transportiert, wenn Beck eine abstrakte, gruppenbezogene Zuweisung an "uns Deutsche" macht, in dem Sinne von: wir Deutschen würden Juden mit Israel gleichsetzen; und alle Israelis mit Palästinenserkillern. Dass Schlesinger dem zustimmt, dem Beck und dessen Empörung recht gibt -was man als Deutscher dann gar mit Scham akzeptieren sollte- das ist in seiner pauschalen Aussage mindestens ebenso schräg.

Im zweiten Teil seiner Ausführungen kommt Schlesinger der Überlegung nahe, dass Äußerungen des Zentralrats der Juden (in Deutschland) bei Ulrich Beck möglicherweise die Feder geführt haben. Hitler next door und der erneute Holocaust gleich dahinter, das ist doch dieser immer wiederkehrende Tenor der Knoblochs und der Graumanns etc. Erst vor rund zwei Jahren und ähnlich alarmistisch, mit einer sehr selektiven, internationalen Unterstützung in Sachen Beschneidung abgerundet, da wurde dieses beinahe schon inflationäre Schauspiel dem staunenden Publikum hierzulande einmal mehr dargeboten. Das war dann sogar den Hardcore-Antideutschen, den ansonsten besten Freunden Israels zu viel; soviel Judentum und dann noch so nahe, das wollten sie dann doch nicht genießen; erfanden ganz schnell den Nichtjüdischen Juden.

Gerade Evelyn Hecht-Galinski als deutsche Jüdin hat diesem Gebaren des Zentralrats immer wieder sehr massiv widersprochen. Was Israel betrifft, so übte sie ebenso deutliche Kritik an der national-religiösen, bellizistisch wie neokolonial daher kommenden Politik eines Staates, der sich ausdrücklich als Jüdischer Staat versteht, der mit diesem expliziten Gottesbezog nicht nur kein Problem hat, sondern im besten Sinne doppelter Standards (nach dem 3D-Test ein Zeichen von Antisemitismus) jede Kritik an seinem Handeln und mit Hinweis auf den Holocaust als Antisemitismus zurück weist.

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Was nun Schlesinger geritten hat, gerade Hecht-Galinski als "Hetzerin" zu qualifizieren, darüber mag man spekulieren, gerät im Laufe der Kommentierung des oben verlinkten Freitagsblog ein anderer Kandidat in den Fokus der Wissenden, was Antisemitismus und Judentum betrifft: Costa Esmeralda. In seinem ersten Kommentar dort macht er deutlich, was sowohl Beck wie Schlesinger nicht so genau wissen (wollen), es ggf. relativieren - und bringt das Thema meiner Meinung nach auf diesen Punkt, für den nicht zuletzt eine Evelyn Hecht-Galinski stehen kann:

"Ich meine, wenn Juden in der Diaspora nicht öffentlich aufstehen gegen das, was die israelische Regierung gegen die Palästinenser seit Gründung des Staates Israel an Unterdrückung unternehmen, dann provozieren sie Antisemitismus in aller Welt."

"Hier in Lateinamerika, wo man Unterdrückungsstrukturen aus der Geschichte bestens kennt, wird die Handlungsweise der israelischen Regierung am stärksten kritisiert, was aber keine Auswirkungen auf die jüdische Bevölkerung, die seit langem in diesen Ländern lebt, hat, jedenfalls noch nicht. Das könnte sich ändern, vor allem durch die anhaltende Unterstützung der US-Regierung für die israelische offizielle Politik."

"Wäre die israelische Regierung mit einer weltweiten Opposition von Juden in der Diaspora, Palästinensern in der Diaspora und Regierungen konfrontiert, dann würde sicherlich Bewegung in diesen Konflikt und die Bereitschaft zu Verhandlungen kommen. Gerade wir Deutschen müssten endlich einmal zu den universalen Menschenrechten im Nahostkonflikt stehen und die Scham vor eigenem historischen Versagen in der Vergangenheit überwinden. Israel ist überhaupt nicht mit Schweigen, bzw Unterstützung von Merkel, GroKo und Bundestag geholfen, ganz im Gegenteil. Machen sie endlich einmal den Mund auf und stehen für das ein, was auch in unserer deutschen Verfassung und in der Charta der UN an Menschenrechten verbrieft ist. Diese sind unteilbar."

Klar und deutlich von Costa ausgedrückt, meine ausdrückliche Zustimmung eingeschlossen. Dass dann die selbsternannten Wächter der (Bio)deutschen, die illustre Jagdgesellschaft von Schlesinger über Miauxx bis zu dem eher mithampelden JR's nebst alter Ego Tai De zu großer Form aufläuft, das ist nicht minder schräg als das eingangs genannte. Immer der Fahne nach stimmen Hardob und Magda ebenfalls zu, während Janto Ban und Michael J. einige kluge Dinge schreiben - es geht also auch anders. Die ansonsten keiner zünftigen Rauferei aus dem Wege gehende Weltendame hält sich inhaltlich und merkwürdigerweise deutlich zurück, während (again) JR's und Tai De nun heute, am frühen Morgen die gewohnt infantile Kurve kriegen.

Dass der Costa überhaupt auf die en passanten Anwürfe und subtil-suggestiv fragenden Unterstellungen eingeht, das ist vergebene Liebsmüh; um es mal salopp zu formulieren. Dahingehend -so meine ich- ist jedes inhaltliche Wort bereits zuviel. Der virtuellen, äußerst gepflegten Jagdgesellschaft verbal vor die ebenso virtuellen Schienbeine zu treten, das wäre wohl die einzig richtige Antwort gewesen. Da ist nichts, in Worten "null", was der Costa ernsthaft erklären müsste. Ok, mein bislang einziger Einwurf dort im Blog bezog sich in aller Kürze auf genau das, was hier nun etwas ausführlicher dargestellt ist, jedoch als separater Blog wohl bewußt nicht bei derFreitag eingestellt werden dürfte.

 

"Hetzer"

Lieber Bernd,
Dank, dass Du mich in Deinem Einwurf zu Wort kommen lässt.
Es ist schade, dass gerade wichtige Auseinandersetzungen über deutsche Politik und das Selbstverständnis der Deutschen in "der Freitag Community", einem noch offenen Meinungsmagazin, immer wieder Anlass gibt, in gehässiger Weise miteinander umzugehen. Selbstverständlich sind wir alle nicht einer Meinung, ist auch gut so. Das respektvolle Austragen von Meinungsverschiedenheiten sollte immer wieder neue Einsichten, Erkenntnisse und eventuell Korrekturen an der einen oder anderen Sichtweise innerhalb der Community befördern. Leider wird diese Möglichkeit des offenen Austausches mit Bereitschaft, zu neuen Ansichten zu kommen, durch aggressive Rechthaberei und Schubladen-Abstempelei konterkariert. Die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit einerseits und die daraus zu ziehenden Lehren für die Gegenwart und Zukunft andererseits sind zu wichtig für deutsche Nachkriegs-Identitätsfindung, als dass persönliche Rechthaberei und Bestätigtseinwollen ein Kriterium für Teilnahme an öffentlicher Diskussion sein sollte. Und das schließt m. E. ein: Diskussion über: Der Deutsche als Deutscher aller deutscher Regionen, der Deutsche als Europäer und der Deutsche als Weltbürger im Kontext universaler Kulturen und der Natur (dazu gehört das Thema Palästina - Israel). Das hat nichts mit Deutschtümelei zu tun, sondern mit Standortbestimmung in einer globalen, gefährdeten Welt.
Was wir aus solchen Auseinandersetzungen wie der geführten in der dFC wieder einmal deutlich sehen, ist die Notwendigkeit der Existenz von unabhängigem Bürger-Journalismus, der mit Verantwortung vor der Sache moderiert wird und "kulturstiftend" wirkt.
LG, CE
PS: Ich muss mich wohl häufiger in diese Website einklinken.

Du bist willkommen,

wenngleich hier nicht viel passiert, das eher als mein Rückzugsgebiet und Backup für das Engagement bei derFreitag fungiert; "Touren" sowie "Linux&Co" -über das horizontale Menü erreichbar- eingeschlossen. Oder eben für Dinge, die ich bewußt beim Freitag nicht einstelle; so wie diese Eindrücke vom Al-Quds-Tag in Berlin.

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Zum Schlesinger-Blog, der Qualifizierung von Hecht-Galinski ist vielleicht noch anzumerken,dass diese ja gleichzeitig auch noch für eine andere, gern von den entsprechenden neulinken Antifa-Seilschaften zelebrierte Freitagskontroverse steht; ebenso wie Felicia Langer ober Moshe Zuckermann beispielsweise. Dergestalt, dass diese Menschen es wagen mit Ken Jebsen zu sprechen, sich damit zumindest implizit (Hecht-Galinski auch explizit) in den Kreis, das Denken der neuen Montagsdemos stellen.

Und die sind doch nun mal per großmedial gelebter, via totschweigen verkündeter Staatsräson böse bis neurechts; die TeilnehmerInnen alles Antisemiten in jedem Falle. Da bleiben wegen der eingeübten Beisshemmung eben nur die Überbringer der Botschaft für die fröhliche (Freitags)Jagdgesellschaft.