22 Mär 2011

Zeitoun - Der Emofaktor

Submitted by ebertus

Was macht den Reiz derartiger Dokumentationen, dieser Realitätsromane aus? Das Ereignis selbst, auch wenn  es sich um ein prägendes, ein außergewöhnliches, ein weltweit bekannt gewordenes Ereignis handelt wohl eher nicht. Das Geschehen liegt bei Erscheinen der literarischen Aufarbeitung in der Regel bereits mehr oder weniger weit zurück, die Ursachen und Abläufe sind benannt, die regionalen und ggf. überregionalen Bedeutungen diskutiert, die Lehren - zumindest vordergründig - sind gezogen. Der Reiz, die Spannung, die Faszination, das sind die Figuren, Menschen wie Du und ich - halbwegs...

Der Autor einer derartigen Geschichte wird manchmal, oft nur durch den Zufall fündig und die Hauptdarsteller der dann entstehenden Story müssen ebenso zufällig passen, sich bewußt einbringen, soweit das Ganze vom Leser als zwar subjektiv, dennoch realitätsnah empfunden werden sollte. Der Autor darf sich nicht über Gebühr gemein machen mit der Sache, auch nicht mit einer guten (frei nach Hanns-Joachim Friedrichs) und er benötigt über Wochen und Monate, gar Jahre sehr viel Zeit, die er im Wesentlichen gemeinsam mit den Hauptpersonen seiner Geschichte verbringt. Die Aufbereitung und das notwendige Gegenprüfen der einzelnen Fakten (soweit nicht parallel erfolgt) kann weitere Zeit beanspruchen und auch die rechtliche Seite ist bei identifizierbarem  Personen und Institutionen nicht ohne Fallstricke.

Dave Eggers hat dies alles geleistet, hat den Menschen dort in New Orleans eine dreidimensionale, beinahe anfassbare Gestalt gegeben, erzeugt aus Sicht des Lesers eine emotionale Bindung mit den sehr realen Figuren. Nicht vergessen darf man jedoch die keinnesfalls nebensächliche Tatsache, dass die Zielgruppe, der typische Leser in Nordamerika, in den USA zu suchen und zu finden ist. 

Aus amerikanischer Perspektive bewegt sich diese Arbeit in Tradition eines Alex Kotlowitz und seinem "There are no children here", wobei dem allerdings kein Großereignis zugrunde liegt, sondern die latente Benachteilungung ausgegrenzter, stigmatisierter Bevölkerungsteile, die "drüben" noch nie und auch zunehmend hierzulande keinesfalls mehr als sog. Randgruppen zu bezeichnen sind. Aus deutscher, gar aus (West)Berliner Sicht, und noch etwas weiter zurück, erinnert wiederum Kotlowitz an Christiane F. und das Projekt zweier Autoren des Magazins "Stern". Entscheidend ist wohl die Herausarbeitung der als real empfundenen Figuren, auch die von vermeintlich negativen Charakteren. Gerade bei letzteren sollte und muss man sich als Leser immer wieder die Frage stellen, welche gesellschaftlichen, vielleicht sogar gewollten Zustände dafür (mit)verantwortlich sein können. Eine bescheidene Erwartung zumindest, auch wenn das jeweilige Werk dahingehend keine oder bestenfalls eine lediglich sehr dezente Aufforderung zum Nachdenken enthält.

Und damit wäre man für diesen ersten Eindruck wieder bei Dave Eggers, der Familie Zeitoun und dem "American way of life", dessen Erfolg oder Tragik, dessen Überleben oder Untergehen grundsätzlich im unausweichlichen Schicksal oder in dem persönlichem Vermögen und Bemühen begründet ist. In einem derartigen, sozialdarwinistischen Weltbild ist nur wenig Platz für Schwache, deren Fürsorge, ist noch weniger Platz für allfällige Verschwörungstheorien, wozu sich das Buch auch an keiner Stelle hergibt. Dies ist im Grunde eine uramerikanische Geschichte, auf die näher einzugehen sich in jedem falle lohnt.

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Im zweiten Teil geht es (u.a.) um Joe den Klempner - und wer kennt "den" nicht, nach dem letzten Präsidentschaftswahlkampf, diesem bizarren Dreamteam um McCain und Palin - geht es um den sog. Amerikanischen Traum.