23 Mär 2011

Zeitoun - Joe der Klempner

Submitted by ebertus

In der ersten Klasse überlebt es sich länger, angenehmer auf jeden Fall. Wenn die Apokalypse naht, sind Plätze in der Arche gefragt. Und keiner - niemand - sollte sich auch nur die geringste Hoffnung machen, der Illusion hingeben, dass diese wenigen Plätze nach irgendeinem Zufallsprinzip vergeben werden. Gewiss ist das nicht so tröstlich, widerspricht es doch auch diesem "Amerikanischen Traum", von dem u.a. nun die Rede sein soll.

Amerikaner haben eine andere Beziehung zu jeglichem, gern auch extremen Wohlstand, zu Besitz und Vermögen. Anstelle von gängigen, uns Altweltlern immer gern unterstellten Neidkomplexen, anstelle dem Erkennen von (in der Regel) unüberwindlichen Klassengrenzen, unter beinahe bockiger Ablehnung des doch so kostenintensiven Rufes nach einem fürsorgenden Staat, anstelle einer wie auch immer eingreifenden, externen Kraft  stellen Amerikaner (und manchmal schon zwanghaft naiv) ihren Traum in den Mittelpunkt des Daseins. Einen Traum, der für jeden erreichbar ist - es zumindest scheint - und der für jeden Menschen mit ernsthaftem Willen in beinahe greifbarer Nähe sich befindet; ohne Ansehen von Herkunft und aktuellem Stand. Die reale, substantielle Verteilung von Besitz und Vermögen, deren Konzentration auf Wenige ist daher "drüben" kaum ein Thema, obgleich diese Konzentration, die damit einhergehende Machtausübung kaum geringer ist, als in den aktuell doch so gescholtenen, nordafrikanischen Despotenstaaten. Die Kontrolle der Menschen erfolgt subtiler, ist in beinahe jeder Facette medial unterstützt und Chomskys Theorie, das Propagandamodell stellt die Basis, die primäre Stufe dieser Kontrolle dar:

"Diese Theorie beschreibt, wie die Medien ein dezentralisiertes und nicht-verschwörerisches Propagandasystem bilden können, das fähig ist, einen Konsens der Oberschicht herzustellen und die Öffentlichkeit in diese Perspektiven der Oberschicht einzubinden – während gleichzeitig der Anschein des demokratischen Konsens gewahrt bleibt."

Auf der nächsten Stufe, bei anzunehmender, gar fortgesetzter Renitenz der fürsorglich Belagerten folgt die Nationalgarde; Bundeswehr im Inneren würde man hierzulande dazu sagen. In New Orleans und in den wirren nach Katrina war die Nationalgarde wohl im Einsatz, wobei dies im Buch eher im Diffusen bleibt. So werden die Guantanamo-Erfahrungen des "Zeitoun" und die der anderen Leidensgenossen primär von "normaler" Polizei, dem sich anschließenden Prozess der rechtsfernen Behandlung in den verschiedenen Stadien des "normalen" Strafvollzuges  geprägt. Von der großen Linie einer staatlichen Verschwörung gegen die Opfer - wie dies in einigen Buchkritiken, u.a. im Spiegel thematisiert wird - ist bei "Zeitoun", in der mir gegebenen Lesart nichts zu finden.

Im Gegenteil, zu diesem Traum, diesem "American way of life" sind (fast) alle eingeladen. Wer einmal, gar mehrmals (like me) auf Ellis Island war, diesem ehemaligen "Port of Immigration" und heutigem Museum im Hafenbecken vor Manhattan, gleich neben der Freiheitsstatue, der kann nur staunen, welche Diskussionen dahingehend und hierzulande geführt werden. Dort ist nichts von speziellen Genen zu lesen, von Rassen, Ethnien, die per se faul, dumm und kriminell wären; nichts Substantielles zu Problemen der Integration. Wer sich (freiwillig) für "gods own country" entschieden hat, der passt sich an, aus eigenem Entschluß und mit aller Kraft. Das galt für Joe den Klempner bzw. dessen Vorfahren und gilt ebenso für Abdulrahman Zeitoun.

Ein perfekter Ehemann, ein lieber Vater, ein erfolgreicher Unternehmer, vom Anstreicher (statt dem obligatorischen Tellerwäscher) zum Millionär, ein korrekter Arbeitgeber, ein fairer Vermieter, ein Mensch, der nicht nur Tiere - in dem Falle Hunde - über alles liebt, der selbstlos hilft und rettet, was in dieser apokalyptischen Situation noch zu retten ist. Dass dieser Mensch syrischer Abstammung ist, die amerikanische Frau im Familienkreis immer mal Stress mit der Verwandschaft hat - kein Wunder wegen ihrem Kopftuch, dem Konvertieren zum Islam - dass dieser Mensch fünfmal am Tag betet und kein Schweinefleisch verzehren mag, dies alles spielt für den amerikanischen Traum absolut keine Rolle. Und das ist keine Ironie, das ist erwartete und realisierte Integration. Insofern und unter diesen Prämissen ist das Buch von Dave Eggers lediglich eine selbstverständliche Fortschreibung amerikanischer Entwicklungsgeschichte; von den Europäern über die Asiaten bis nun eben zu den ebenso willkommenen Menschen aus dem arabischen Raum.

Doch das Ambivalente, das Bigotte lauert natürlich überall; und nicht nur im Oval Office eines Bill Clinton. Der geneigte, primär amerikanische Leser - und seit weit mehr als einem Jahrhundert ohne Krieg auf eigenem Boden -  er wird es weniger bemerken, der Europäer eventuell schon. Und wie bereits eingangs erwähnt, nicht nur auf der Titanic waren die Überlebenschancen in der ersten Klasse signifikat höher als weiter unten - unterhalb der Wasserlinie; da wie dort, in New Orleans. Wohl dem, dessen Haus in einem etwas besseren Viertel steht, wohl dem, dessen Gebäude mehrgeschossig ist, wohl dem, der Vorräte hat und weitere "einfach" kaufen kann, der auch ohne SUV und dennoch halbwegs rechtzeitig die Lieben in Sicherheit sehen darf - selbstbestimmt in Weg und Ziel, versteht sich; und mit - das sei unterstellt - gedeckter Kreditkarte. Von Plünderungen ist zu hören, entfernt, diffus, ebenso von den Zuständen im Superdome, ansatzweise.  Und der Autor, der Erzähler tut gut daran, dies eben nicht plakativ in den Vordergrund zu stellen.

Abschließend und zu dem erwähnten Superdome, einer überdachten Sportarena als Notunterkunft für die "dritte Klasse" sei hier noch eine Bemerkung, eine vielleicht sehr persönliche Einschätzung gestattet. Nachdem wir im Frühjahr 2004 - ggf. anderweitig erwähnt -und damit im Jahr vor Katrina das "alte" New Orleans ein wiederholtes Mal direkt und real erleben durften, so waren wir in 2005 und zufällig in den Wochen nach Katrina im Nordwesten (Idaho, Montana etc.) unterwegs. Die Überlebenden, die nun Obdachlosen, die in der Regel Mittellosen, die fast ausnahmslos Schwarzen aus den Katastrophengebieten, aus dem überfüllten Superdome wurden (zwangsweise) auch schon mal sehr weit in nördlicher Richtung ausgeflogen. Die Reaktion der einheimischen Bevölkerung, der lokalen Medien dort oben war ambivalent; vorsichtig ausgedrückt...

Denn es gibt eine Bevölkerungsgruppe für die der "Traum" beinahe per ungeschriebener Definition ausgeschlossen ist. Und diese Underdogs - bis auf wenige, plakative Ausnahmen, speziell in den Bereichen Politik, Sport und Entertainment - sind die Nachfahren der zwangseingeführten, der aus ihrer Heimat verschleppten, afrikanischen Sklaven. Man kann darüber spekulieren, welches die Gründe für den andauernden, den latenten Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft sind. Und es ist mehr als erstaunlich, dass Dave Eggers dieser Thematik, der Population dort, der ethnischen und und sozialen Struktur von New Orleans (vor Katrina) in seinem Buch an keiner Stelle Raum gibt. Insbesondere auch deshalb, weil die anhaltende Gentrifizierung der Stadt (nach Katrina) keineswegs eine Verschwörungstheorie darstellt.

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Im dritten Teil  ist Ruhe "nach" dem Sturm angesagt, geht es in die Wildnis, wird unter anderem ein Fixpunkt des erträumten freien Lebens, der zeitweisen und beinahe obligatorischen Selbstverwirklichung freier Bürger dargestellt; in nahezu perfekter Analogie zu dem einsamen Mann im Kanu.