24 Mär 2011

Zeitoun - Ruhe vor dem Sturm / Into the Wild

Submitted by ebertus

Im Grunde sollte es "Ruhe nach dem Sturm" lauten, und dahingehend "vor" einer Realisierung der Folgen. Ein wohl sehr menschlicher Wesenszug, denn nach einem Ereignis von brachialer Gewalt folgt die Schockstarre, dann die Hoffnung; oder das Erschrecken ob der erkennbaren Weiterungen; schlimmer vielleicht, als das zugrunde liegende Geschehen selbst. Die Dramaturgie von Dave Eggers folgt exakt diesem schicksalshaften Schema, stellt auch im Kontext der ablaufenden Ereignisse keine Fragen.

Aber es hätte sie gegeben, grundsätzliche und eher spezifische Fragen. Selbst hier in Deutschland konnte man im Vorfeld lesen, dass die Deiche des Lake Pontchartrain in Folge des erwarteten, extremen Hurricans mit hoher Wahrscheinlichkeit brechen werden. Und man durfte lesen, dass die Bush-Administration schon seit Jahren die Mittel für den Hochwasserschutz kürzt. Kein Thema für Dave Eggers, stattdessen gibt es - im Grunde verständlich - immer wieder eingestreute Befindlichkeitsmeldungen von Kathy, der Frau des Hauptdarstellers. Vielleicht etwas deplaziert wirkt deren Sorge bezüglich einer ihr faktisch unbekannten, vermisst gemeldeten Familie, unterwegs mit einer Segeljacht vor der Küste im Golf von Mexico. Wer zu dieser Zeit - und Katrina kam ja nicht plötzlich, so übernacht - mit seiner Familie auf seiner Jacht dort in den Küstengewässern kreuzt, der hat wohl keine Not (zu haben), gehört mit Sicherheit nicht zur Klientel derer, die - ggf. zwangsweise - in den Superdome verbracht werden muss. Kathy selbst ist mittlerweile und nach einer gewissen Odyssee auf den landeinwärts natürlich überfüllten Straßen bei Verwandten angekommen; und damit in (stressig familiärer) Sicherheit.

Zurück zu dem einsamen Mann im Kanu; und nun beginnt eigentlich die schönste Zeit der Geschichte. "The great outdoors", diese immer noch vorhandenen Wilderness-Gebiete mit kaum oder gar keiner Zivilisation sind vielfach ein Fixpunkt der gebildeten, der weissen, nordamerikanischen Mittelklasse. Auch den realen Gefahren dort will man sich stellen, gerade in jüngeren Jahren sich selbst beweisen, manchmal bis zum Exzess. "Into the Wild" ist so eine reale Geschichte, als Buchvorlage nacherzählt von Jon Krakauer, einem Spezialisten dieses Genres. Entgegen meinem in der Regel beherzigten Vorsatz, den Film nicht mehr anzuschauen, wenn mir das Buch bereits bekannt ist, war hier eine Ausnahme angesagt, allerdings mit beinahe zehn Jahren Zeitversatz zwischen Buch und Film. Eigene Erlebnisse und Gespräche mit Amerikanern auf den Trails im Nordwesten gehen da ebenfalls nicht mehr aus dem Kopf, formen selektive Bilder.

Insofern ist schon das Titelbild dieses Buches von Dave Eggers ein Teil des amerikanischen "way of life", zumindest aus Sicht der mit einer gewissen Substanz gesegneten, weissen Mittelklasse dort. Es passt beinahe alles, das Zelt auf dem Garagendach, die Steaks auf dem Grill, die etwas surreale Perspektive, die mit Sicherheit zu bestehenden Gefahren, die möglicherweise zu rettenden Menschen und Tiere; in der Wildnis eben. Parallel zu "Zeitoun" wartet neuer Lesestoff mit ähnlicher Thematik, aber in anderem Gewande. "On the Road" von Jack Kerouac ist so eine Parallele dieses nicht immer vollkommen freiwilligen Existenzkampfes, potentielle Leser seien jedoch gewarnt. Der Stil von Kerouac ist nicht so mitfühlend, so pflegeleicht und dennoch ergreifend. Da geht es runter zu den dreckigen Basics des Überlebens; und dennoch mit dem Beat, der dann sich beinahe zwanzig Jahre später erheben sollte. Arlo Guthrie kommt mir da gerade in den Sinn, und sein "City of New Orleans" - hier mal als ein Spätwerk, dennoch inhaltlich eben dieser amerikanische Traum der (rastlosen) Bewegung in der Weite; womit nun der Bogen wieder auf das Thema hier zurückführt.  

Und so kommt es dann auch, es werden Tiere gerettet, zumindest zeitweise versorgt. Es werden Menschen gerettet, Verbündete gesucht und gefunden, es wird das (bekannte) Terrain nicht Schritt für Schritt sondern Paddelschlag für Paddelschlag erweitert. Zwischendurch geht es immer wieder zurück zur Basis, darf man sich dem privaten Campground, dem Garagendach erholen und nachdenken. Kriminalität wird (entfernt) an einer Tankstelle gesichtet, dergleichen zumindest angenommen. Das zuerst relativ klare Wasser des Lake Pontchartrain wird von Tag zu Tag dreckiger, stinkender - aber es steigt nicht mehr an, die Pegel haben sich ausgeglichen. Zwar ist der Handyakku nun leer - erstaunlich, dass die Mobilfunkinfrastruktur den Sturm selbst überlebt hat - aber in einer der (eigenen) Immobilien gibt es ein noch funktionierendes Festnetztelefon.

Vier Männer finden dort im Haus mit dem Telefon zusammen, zwei Muslime und zwei waschechte Amerikaner. Man rettet noch diese oder jenen, aber es braut sich etwas zusammen, man ahnt es. Zeitoun hat nie etwas dabei, wenn er mit dem Kanu unterwegs ist, möchte nicht als Plünderer verdächtigt werden. Ab und zu kommen mit Uniformierten besetzte Motorboote vorbei, extrem laut mit ihren großen Propellern über der Wasserlinie (sog. Airboote), aber Zeitoun ist nicht im Fadenkreuz der auch etwas verwirrten, dennoch sich wohl halbwegs bemühenden Staatsmacht; noch nicht.

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Wie vom nächsten, dem vierten Teil  zu erwarten, so schlägt nun eben diese Staatsmacht zu, hart und ungerecht. Der amerikanische Traum wird innerhalb weniger Stunden zum dann wochenlangen Albtraum; und dabei (fast) ohne Ansehen der Ethnie - dies sei hier bereits angedeutet.