25 Mär 2012

Jutta Ditfurth über Ulrike Meinhof

Submitted by ebertus

Mit dem Namen von Ulrike Meinhof wird primär Terrorismus, Mord und ganz allgemein Kriminalität verbunden; im einfachsten Falle Linksradikalismus. Es gab ein Leben der Ulrike Meinhof vor dem 14. Mai 1970 (dem Tag der Baader-Befreiung) und es gibt eine zeithistorische Figur, deren Spuren von Jutta Ditfurth in ihrer Meinhof-Biografie nicht nur mit "Dokumentationsfuror", sondern ebenfalls mit einer gewissen Empathie nachgezeichnet werden.

Das Buch von Jutta Ditfurth aus dem Jahre 2007 beginnt mit einem Kapitel über die Baader-Befreiung und erst danach geht es via "Eine sehr deutsche Familie" den für eine Biografie erwarteten, chronologischen Gang, beginnend mit dem Großvater mütterlicherseits ab 1884 und dem Großvater väterlicherseits, der bereits 1859 geboren wurde. Der Auftakt ist in meinem Verständnis nicht nur der Dramaturgie geschuldet, er markiert die beiden Teile der Biografie, des Lebens dieser durchaus historischen Figur der jüngeren deutschen Geschichte und bietet via der Dokumentation von Jutta Ditfurth einen in vielen Facetten sehr nachvollziehbaren Einblick in die intellektuelle, gar akademische, aber auch politisch-mediale Ära bundesrepublikanischer Nachkriegsgeschichte.

Der erste Teil dieses Buches, ein Sittengemälde deutscher Nation und Befindlichkeit während der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und bis eben in die 70er Jahre hinein scheint mir ein sog. must read zu sein; wenngleich nur in soweit wie die Bereitschaft besteht, Strukturen und Abläufe aus einer Perspektive zu betrachten, welche eben nicht unbedingt die staatsräsonale Geschichtsschreibung als alleinige Tatsachenwahrheit anerkennt und gebetsmühlenartig kolportiert. Als Einstimmung vielleicht ein Zitat von Micha Brumlik, aus gegebenem Anlaß vor einigen Wochen in der taz zu lesen:

"Der Nationalsozialismus mit all seinen Verbrechen war ein politisches Projekt: ein Koalitionsregime von Bürgerlichen, schwachen Liberalen, opportunistischen Kirchen, revanchistischen Nationalen, ressentimentgeladenen Technokraten, fast allen Fraktionen des deutschen Kapitals sowie ein paar völkischen Spinnern."

Es waren, es sind die bürgerlichen, gerade die kleinbürgerlichen bildungsnahen Schichten, aus denen die Vorfahren der Ulrike Meinhof und Millionen anderer Deutscher entstammten, weiterhin entstammen. Im Gegensatz zu den Großbürgerlichen, den Besitzenden, dem Geld- und sonstigen Adel ist das einzige Kapital dieser vielen kleinen Bildungsbürger ihr Intellekt. Und jenseits eines absoluten Neuanfangs, einer Philosophie der Gebürtlichkeit (Hannah Arendt) muss dieser Intellekt natürlich geweckt und dann sozialisiert werden. Väterlicherseits die Nähe zum Nationalsozialismus und mütterlicherseits neben linker, liberaler Tendenzen primär die emotionale Bindung, darin unterschied sich die Kindheit der Ulrike Meinhof wohl kaum vom gängigen Durchschnitt der Zeit bis 1945. Der Vater starb früh, die Mutter nicht viel später und die latente Konfrontation mit der Pflegemutter (Renate Riemeck) prägten wohl mehr als ein Stück weit die dann erwachsen werdende Ulrike.

Aus meiner Sicht interessant sind die vielen Details, welche die Biografin zum Leben der Ulrike Meinhof während ihrer Studentenzeit, also von Mitte der 1950er bis Mitte/Ende der 60er zusammenträgt. Große Namen sind da keine Seltenheit, und wer wusste schon, dass der spätere Bundespräsident Heinemann in 1961 die rechtliche Vertretung der jungen Meinhof gegenüber Franz-Josef Strauss übernahm und erfolgreich war. Die Causa, man ahnt es, war einer dieser "Vergleiche", ohne gleichzusetzen - in dem Falle Hitler/Strauss.

Der Hitler/Bush "Vergleich" fand hierzulande später ebenfalls statt; da musste gar eine SPD-Ministerin zurücktreten. Und war da nicht kürzlich und aus seriösem Munde gar etwas zum Hitler/Putin-Vergleich zu lesen?

Faszinierend aus der historischen Distanz gesehen sind Meinhofs Jahre bei der Zeitschrift "konkret", mit deren Herausgeber und zwischenzeitlichem Ehemann Klaus-Rainer Röhl. Ein wohl sehr ungleiches Paar und Ulrike Meinhof zog dann irgendwann (1969) die Reißleine; privat wegen der anderweitigen, beziehungsmäßigen Eskapaden des Ehemanns und politisch, weil Röhl die Zeitschrift in dem Verständnis von Meinhof zu sehr und im Sinne von "Sex sells" kommerzialisierte. Im biografischen Rückblick weniger faszinierend -eher weiterhin und aktuell erlebbar- das ist dieses staatstragende Lavieren der SPD; via einiger, von Jutta Ditfurth ausführlich dargestellten Aktionen gegen den SDS als damalige Jugendorganisation der Partei. Das entsprechende Agieren von Helmut Schmidt, der pastorale Gestus eines Heinrich Albertz und nicht zuletzt das ambivalente Verhältnis der westdeutschen Linken (auch der Zeitschrift konkret) zur DDR sind aus meiner Sicht Highlights dieser Biografie.

Die Chronologie der Ereignisse nach der Baader-Befreiung und bis hin zum Selbstmord in Stammheim mag hier nicht vertiefend abgehandelt werden. Eine kritische Reflektion steht nach wie vor auf dem öffentlichen Index, wie dies nicht zuletzt Heinrich Böll und andere kritische Intellektuelle, Künstler und Literaten erfahren mussten, nach wie vor erfahren müssen.

Die (meine) eigene Perspektive mag in den Jahrzehnten dann ebenfalls ein wenig ohne wirkliches Engagement geblieben sein, gab es ab Ende der 1970er andere Prioritäten und nur noch wenig Raum für die nötige Art von Reflektion und kritischer Begleitung. Seit einigen Jahren nun, ist eine Neubestimmung, ist Aufarbeitung angesagt. Das Buch von Jutta Ditfurth -die ich vor einiger Zeit bei einer Buchvorstellung bzw. Lesung zu den (ehemaligen) Grünen persönlich erleben durfte- diese Biografie rennt somit offene Türen bei mir ein.

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Nicht zuletzt der persönliche, gern spekulative Blick auf diese Zeit:

Ende der 1960er selbst schon mal unter den Wasserwerfern am sog. Kranzlereck gestanden, gelegentlich im Republikanischen Club vorbei geschaut, noch sehr offen und relativ unschlüssig über den eigenen, weiteren Lebensweg; was hätte -spekulativ, aber durchaus möglich- eine reale, gar intensive Begegnung mit Ulrike Meinhof (mir) bringen können? Natürlich, sexuell wäre ich als junger Mann von Anfang zwanzig der gestandenen, erfahrenen Frau wohl verfallen, hätte ihr sozusagen "aus der Hand gefressen". Intellektuell und anstelle der dann folgenden technischen Orientierung wäre es möglicherweise in Richtung der doch oft brotlosen Kultur- und Geisteswissenschaften gegangen. Aber ob ich dieser Frau dann den Weg in den Terrorismus gefolgt wäre? Dies heute positiv oder negativ zu konstatieren, das dürfte vermessen klingen in einer vermeintlichen Klugheit des Alters.

 

Ein substantieller Hinweis

Obwohl ich mit Antje Schrupp eher selten vollumfänglich übereinstimme, so sei ihrer aktuellen, kurzen Buchbesprechung mehr als gefolgt. Einige Zitate:

Vor einigen Jahren hat Anja Röhl ihrem Vater Klaus Röhl pädophile Übergriffe vorgeworfen, die sie in diesem Buch auch wiederholt, aber das ist nicht das Zentrale.

Damit liefert sie einen weiteren Baustein in der inzwischen fast schon endlosen Saga darüber, was für ein Mensch Ulrike Meinhof wohl gewesen ist.

Leider sind nicht wenige Passagen geschwärzt, weil Bettina Röhl, eine der Töchter von Meinhof und jüngere Halbschwester von Anja, dagegen geklagt hatte.

Schade, gerade geschwärzte Passagen machen erst recht neugierig.

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In Stumme Gewalt, dem ebenfalls emotional zu verstehenden Buch von Carolin Emcke war glücklicherweise nichts geschwärzt, lediglich das Nachwort von Wolfgang Kraushaar scheint ein Stück weit kontraproduktiv, wirkt gegenüber dem Tenor von Emcke zu aufgesetzt, sich hinter Formalien versteckend. Aber dies näher zu beleuchten, zu begründen dürfte hier zu weit führen, gar am eigentlichen Thema vorbei gehen.

Meine eher unmaßgebliche Meinung... und außerdem anzunehmen: die Zeitung mit den vier Buchstaben würde das hier Geschriebene, würde die entsprechenden Reflektionen von Böll über Emcke und Ditfurth bis hin zu Schrupp et al. wohl als die Sehnsucht der Intellektuellen nach Kriminalität und Terror diffamieren. Aber da muss mann/frau durch....

Jutta von Ditfurth und Empathie,

egal zu wem oder was, kann und will ich mir erst gar nicht vorstellen.
Da stellen sich mir eher sämtliche Nackenhaare auf........

Aber die fidelen Güllefassbetreiber dürften sich für die ehemalige Konkret-Mit-Herausgeberin Meinhof sicher interessieren.

Du bist kein Adressat

@Forenboy für dieses Buch, welches -und natürlich auch via der Autorin- zunehmend historischen Charakter gewinnen dürfte; mit Sicherheit subjektiv ist, das sei gern zugegeben, aber wer ist denn schon im jeweiligen zeitlichen, machtpolitischen Kontext die objektive Instanz?

Macht nichts, ich bin nicht @Allensteyn um Dir zu bescheinigen, dass Du eh' nicht verstehst. Es war und es ist (im Rückblick) eine andere Welt als die, welche Dir zugänglich erscheint. Und meine sehr persönliche Reflektion kumuliert möglicherweise in dem letzten Absatz dieses Blog; einem wie auch immer Verstehen natürlich freigestellt.