19 Mär 2014

Stolpersteine in meiner Straße ?

Submitted by ebertus

Zentral und/oder lokal? Dort, wo meine Mutter in Berlin-Tempelhof begraben wurde, da verläuft seit Jahren die Stadtautobahn. Der Friedhof wurde eingeebnet, genauer gesagt entfernt, Angebote zur "Umbettung" gab es.

Zum Holocaust Mahnmal in Berlin ist bei Wikipedia zu lesen:

"In der Öffentlichkeit gab und gibt es kontroverse Diskussionen um Form und Größe des Denkmals. In der Zielsetzung wird das Denkmal unter anderen vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma kritisiert, da zwar der ermordeten Juden Europas gedacht werde, nicht aber anderer Opfer des NS-Regimes, die ebenfalls im Holocaust ihr Leben ließen. Die Kritik von dieser Seite wurde abgeschwächt durch die Bewilligung eines weiteren und kleineren Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas sowie eines Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. Die Trennung der Mahnmale für einzelne Opfergruppen wird nun als Separation und Hierarchisierung kritisiert."

Ein Terrain also, bei dem man sich inhaltlich eigentlich nur zwischen alle Stühle bzw. Steelen setzen kann; und dies hier auch nicht das primäre Thema sein soll.

Heute im Berliner Tagesspiegel und bezogen auf eine Gegend in der ich mit meiner Mutter wohnte, ist ein Artikel unter dem möglicherweise provozierenden Titel "Vorsicht, Judenfreundin" zu lesen. Nein, nicht dass ich nun für meine Mutter dort in Friedenau ebenfalls einen Stein verlegen wollte, mir die absolut unterschiedliche Dimension durchaus sehr klar ist; die Dimension öffentlicher Wahrnehmung, nicht die des möglicherweise privaten Leides.

Andererseits und eingedenk des Zitates aus Wiki sollte man sich davor hüten, ein wie auch immer geartetes Ranking aufzustellen eine Hierarchisierung vorzunehmen, welches das Leid, individuell wie gruppenbezogen, gar von der zahlenmäßigen Größenordnung her zum (alleinigen) Kriterium macht. Haben die europäischen Kolonialherren und mehr noch die US-Amerikaner beispielsweise ein ähnliches Mahnmal für die Versklavung, das zumindest partiell andauernde Elend der schwarzen Afrikaner? Dem Elend, verursacht durch westlich-abendländischen, imperialen Kolonialismus überhaupt?

Geht es auch eine Nummer kleiner? Formaler? Sachlicher? In der SZ gab es vor einigen Monaten einen Beitrag, der gleich in der erläuternden Bildunterschrift die gewisse Problematik deutlich macht. Im weiteren Text "Ich bin lesbisch - hätte ich damals gelebt, wäre ich wohl selbst drangekommen", geht es dann sofort über eine spezifisch jüdische Konnotation hinaus.

Für mich -und vielleicht nicht nur für mich- stellen sich aus Vorgenanntem, Gelesenem, etwas Recherchiertem zumindest zwei Fragen.

1. Muss die Gruppe derer, müssen Einzelpersonen mit einer wie auch immer gearteten Gruppenzugehörigkeit definiert werden (und von wem), oder ist das Verlegen dem Versuch, auch der (ggf. positiven) Provokation anheim gestellt?

2. Wenn es sich eben nicht um privates, sondern um öffentliches Land, um Wege oder gar Straßen handelt, darf dann und in Anbetracht von Pkt. 1. individuell Hand angelegt, Gedenksteine verlegt werden?

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Unsere Straße, dort wo wir aktuell (nicht mehr in Friedenau) wohnen, deren Belag besteht noch aus Kopfsteinpflaster. Gesetzt den Fall, ein Nachbar mit realen Wurzeln in die arabische Welt, wo eigene Angehörige (dies möglicherweise nicht einmal zwingend) einer Hochzeitsgesellschaft via einem dieser exterritorial geführten Drohnenangriffe unserer Freunde und Überwacher umgekommen sind,

darf der dann "unsere" Straße aufbuddeln und "seine" Gedenksteine anstelle der neutralen Pflastersteine verlegen?