14 Feb 2014

Die Brücke vs. Kindergarden

Submitted by ebertus

Filmische Parabeln: "Kindergarden" nannte der amerikanische Soldat die großen Jungs in dem Film "Die Brücke". Aus der Distanz gesehen war das damals bereits mehr als ein Antikriegsfilm.

1959 entstand der Film "Die Brücke". Er gehörte, soweit meine Erinnerung, zu der basalen gesellschaftspolitischen Sozialisation, auch und gerade der ersten Nachkriegsgeneration im Westen Deutschlands.

Zwei Szenen und nach meiner Meinung, wenngleich mit Einschränkungen auf die Jetztzeit zu übertragen sollen hier und in Verbindung mit anderen Filmen ein Stück weit erläutert werden.

Eine erste, für die damalige Zeit, die potentielle Zielgruppe mutige und dennoch lediglich angedeutete Szene betrifft die sexuelle Begegnung zwischen einem der Jungs und seiner Lehrerin im Angesicht des perspektivisch Kommenden. Sechzehn Jahre alt ist der Junge und der Mann der Lehrerin -wenn es ihn gibt- schon lange an der Front, ggf. bereits umgekommen. Mit Sicherheit kein Mißbrauch und sie ahnt was an finalem Schrecken wohl kommt, wollte ihm eine Erfahrung, ein Gefühl, eine Erinnerung mit auf den Weg geben.

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Zwanzig Jahre später, Fassbinders Frühwerke mit subtiler und keineswegs immer sauberer Erotik waren bereits verfilmt, da erscheint 1979 Schlöndorffs "Blechtrommel", deren Figuren dem Zug der Zeit folgend bereits etwas greller gezeichnet waren.

Die aus meiner Sicht erotischste Szene ist die im Badehaus mit Brausepulver und Speichel im Bauchnabel des Jungen. Und hier ist wieder eine erwachsene Frau die Täterin, das filmisch dargestellte Kind eben ein Kind. In den USA und in Kanada gab es genau deswegen einige, auch gerichtsbekannte Kontroversen, jedoch durfte sich neben dem Buch auch der Film zu den großen Werken deutscher Kriegsaufarbeitung zählen, hatte hierzulande die mittlerweile gern zelebrierte politische Korrektness noch nicht den Stellenwert.

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"Züchte Raben", der dritte, hier nun erwähnte Film aus 1975 lebt weniger von einer erotischen Szene, eher von der Hauptdarstellerin Geraldine Chaplin, welche damals für mich eine herbe und dennoch faszinierende Erotik ausstrahlte; weit jenseits des oft bunten Kitsch amerikanischer Sexbomben.

Die erste, die Hintergrundebene des Films handelt von der Auflösung des spanischen (Groß)Bürgertums, welches in der erwartbaren Post-Franco Ära, mit dem es via ausgeübter Herrschaft vielfältig verbunden war, nun erst einmal in eine tiefe Sinnkrise stürzt. Im Gegensatz zu (West)Deutschland vielleicht, wo diejenigen, welche Nürnberg überlebten samt Seilschaften und Dunkelmännern bald wieder in Amt und Würden waren, frühren Besitz flott zurück bekamen.

In Spanien und nicht in dem Maße wie Deutschland massiver alliierter, militärischer Antwort unterworfen, vollzieht sich der Wandel subtiler, könnte in offenen Bürgerkrieg umschlagen.  Die Kinder -hier eben Ana- bemerken diese Auflösungserscheinungen und lehnen sich gegen die vermeintlich schwachen Eltern und Erzieher auf, flüchten sich auch schon mal in eine surreale Welt der Phantasie. Kindheit ist nicht nur ein Paradies, birgt vielfältige Gefahren.

Der Film kommt nach meiner Erinnerung sehr weltlich daher, die auch im Franco-Spanien und was das Bürgertum betrifft mit Sicherheit ebenfalls nicht unwichtige Institution der Kirche wird nicht thematisiert. Möglicherweise wollte Carlos Saura während der damals aktuell ablaufenden Umwälzungen kein zusätzliches Öl in das Feuer gießen, wie dies erst kürzlich die UN in Sachen Kindesmißbrauch mit ihrem Brief an den Vatikan taten. Hierzulande nach kurzem medialen Anmerken dann weitgehend ignoriert.

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Zurück zur Brücke, der zweiten eingangs erwähnten Szene. Für die großen Jungs, welche das vor ihnen Liegende nur am Anfang als lustig, als mutig und herausfordernd empfanden, wird es nun ernst. Schwäche darf man nicht zeigen und wer als erster beim Anflug eines feindlichen Flugzeuges in Deckung geht, der wird erst einmal verspottet.

Beim zweiten Anflug bleibt der geoutete Feigling als einziger stehen, muss d'ran glauben. Fast alle anderen in dieser Auseinandersetzung um eine im Grunde doch unwichtige Brücke später ebenfalls. Sie, die großen Jungs haben im Gegensatz zu den spanischen Kindern nicht, nicht so schnell bemerkt, welche Auflösung beinahe aller Beziehungen im Gange ist, haben bis zum bitteren Ende sich instrumentalisieren lassen; wenngleich dann wirklich keinen Spaß mehr habend.

Herdentrieb, Gruppendruck, Identitätssuche. Nichts davon verbleibt in der Vergangenheit, sondern nach wie vor aktuell, das Sein des Menschen bestimmend, immer wieder herausfordernd. Ideologie -oder Religion unter Ideologie subsumiert- bilden auch heute oft noch das Credo des doch bitte zu befolgenden Seins. Der Rollback gar ist zumindest erkennbar.

Hätten sie/wir im Kindergarden bleiben sollen?