16 Aug 2015

Antisemitismus mit gutem Gewissen

Submitted by Bernd

Endlich wissenschaftlich bewiesen! Eine "Studie" untersucht die Debatte um den Publizisten Jakob Augstein in deutschen Medien und bestätigt eindrucksvoll das Ranking des Simon-Wiesenthal Center.

Bei der erwartbar kleinen Auflage werden schon mal 59 Euro pro Exemplar aufgerufen; wohl eher und wie der Tenor des ganzen Büchleins, primär als Israelsupport, denn als Gegenwert für eine seriöse wissenschaftliche Analyse zu verstehen.

Dahingehend investieren? Mir beispielsweise reichen die wenigen Rezensionen und wohl ausschließlich in den einschlägigen Supportforen zu finden; beispielsweise bei Jungle World. Der Name Stephan Grigat bürgt bereits für ausgewiesene Expertise, die erwähnten Matthias Küntzel, Samuel Salzborn und der kürzlich beim Springer-Verlag angekommene Deniz Yücel stehen dem nicht nach. Fehlt dann nur noch die integre Victoria; ist immer und nicht nur was Judith Butler angeht im Thema und wird gern schon mal der gnädigen Relativierung anheim gestellt.

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Der größte Teil dieser "Rezension" ergeht sich in einer Aufzählung a la "the good, the bad and the ugly" und erkennt bei Augstein gleich auch noch auf Antiamerikanismus nebst expliziten Geschichtsrevisionismus. Das übliche halt...

Eine Sequenz lässt schmunzeln:

"Sie [die Autoren] zeigen, wie Augstein »gesetzte Tabuisierungen subtil umgeht« und es ihm dadurch gelingt, »Sprechstrukturen hervorzubringen, die das tendenziös Gemeinte im Gesagten aufblitzen lassen, ohne dass das Gesagte in den Bereich des Unsagbaren fiele«."

Was sind denn bloß "gesetzte Tabuisierungen"? Und wer befindet darüber? Ja, das ist bezüglich der kleinen, politisch korrekten Freitags-Community, deren AntisemitenjägerInnen nebst dem Wächteramt in Funktionseinheit schon beinahe zum Schmunzeln, soweit ein gnädiges Relativieren außen vor gelassen wird.

Entweder ist diese wissenschaftliche Untersuchung korrekt, sind deren Schlußfolgerungen richtig? Dann dürften die WächterInnen der dFC den Freitag, dessen Herausgeber nur noch mit spitzen Fingern oder eben garnicht mehr anfassen, machen sich beim fröhlichen Bloggen und Kommentieren doch ansonsten gemein mit einem der weltweit schlimmsten Antisemiten, unterstützen gar -oft auch monetär- dessen Positionen.

Oder diese Untersuchung wird -gern auch von den dFC-WächterInnen- als das qualifiziert, was sie wohl ist. Der übliche Hokuspokus, zur Legitimierung jedweden israelischen Neokolonialismus und Neoimperialismus via der bekannt-inflationären Diffamierungskampagnen. Nur das müsste den in der Regel selbstzweckig zelebrierten Wächterjob dann -ein wenig zumindest- infrage stellen, oder?

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Noch mehr inflationär Übliches für 59 Euro?

"Von »alten christlichen Stereotypen über tradierte Stereotype des modernen Antisemitismus bis hin zu Ideologiefragmenten aus dem antiimperialistischen Weltbild« reichten die Versatzstücke Augsteins. Detailliert weisen Betzler und Glittenberg ihm die Delegitimierung und Dämonisierung Israels sowie die Anwendung zweierlei Maßstäbe bei der Beurteilung des Agierens des jüdischen Staates nach."

Auf zweierlei Maßstäbe (doppelte Standards) wird sich in diesen Kontexten immer nur dann berufen, wenn es gerade passt, wird ansonsten und beinahe im selben Atemzug das real existierende Völkerrechtssubjekt gern als "jüdisch" benannt, als faktischer Gottesstaat qualifiziert. Jenseits der staatlichen Strukturen, dieser Staatsideologie hat das mit Antisemitismus im klassischen Sinne als:

in der Regel negativ konnotierte "abstrakte, gruppenspezifische Zuweisung"

eigentlich nichts mehr zu tun, muss sekundärer, tertiärer und ähnlich spagatig (wissenschaftlich!) konstruierter Antisemitismus her um jedwedes Handeln des Staates Israel zu rechtfertigen.

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Müßig vielleicht zu fragen, aber wie sieht exemplarisch, mit Beispielen belegt eine zulässige, eine nicht antisemitische Israelkritik aus? Wie müssen deren Kritiker beschaffen sein? Was bei dieser Aufzählung der Guten, der weniger Guten, gar der Bösen und nicht nur bei Jungle World dann einmal mehr fehlt, das sind diejenigen Menschen gerade jüdischen Glaubens, welche wesentlich konkreter, begrifflich prägnanter in ihrer Israelkritik formulieren als Augstein, also Menschen, welche

Sprechstrukturen hervorbringen, die das kaum tendenziös Gemeinte im Gesagten sehr deutlich machen, nicht nur aufblitzen lassen

Wohl Teil der genannten, gesetzten Tabuisierung...?

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