19 Nov 2015

Unser Maestro

Submitted by Bernd

Eine traurige, schlußendlich dann jedoch Gewissheit bringende Nachricht erreichte mich vor wenigen Tagen. Mein Jugendfreund Raimund ist  tot, hat nicht einmal weit von meinem aktuellen Domizil seine letzte Ruhe gefunden.

Bild: Bernd Ebert

Grabstelle von Raimund P. auf dem Friedhof an der Malteserstraße im Südwesten von Berlin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es waren einmal drei Jugendfreunde, waren große Jungs bereits als sie sich kennen lernten, wurden später junge Männer mit ganz unterschiedlicher Vita. Mitte der 1960er war es, in der Leichtathletikabteilung des BFC Preußen, wo Bernd E. (meine Wenigkeit) dann Bernd M. und eben Raimund P. kennen lernte. Einige Jahre verbrachten wir viel Zeit miteinander, weit über den Sport hinaus und bis tief in das Private, das Familiäre.

Viel Zeit via dem Verein, auf diversen Veranstaltungen und Sportreisen, als wir und jeweils ein Jahrgang auseinander dann in die Erwachsenenklasse wechselten. Aber auch jenseits der Leichtathletik ganz im Privaten. Einer Band in der Tradition von "Ten Years After" hatte Raimund damals den Übungsraum im Keller eines Gemeindehauses vermittelt, versuchte ich mich dahingehend und mit dem entsprechenden Equipment auch schon mal als Tonmeister. Vor Jahren, beim Digitalisieren der alten Bänder und Kasetten, da kam mir auch eine dieser (mittlerweile dumpf klingenden) Aufnahmen unter; kann sie jetzt leider nicht gleich finden.

Ich selbst hatte bereits mit 18 Jahren eine eigene, kleine Wohnung (Sponsored by Daddy), während Raimund und Bernd M. noch bei ihren Eltern wohnten, Bernd dann ebenfalls recht schnell aus- mit seiner Freundin zusammen zog. Und ja, auch diese Freundin wurde Bestandteil unserer kleinen Gruppe, ging mit auf viele Sportfahrten und Reisen; sind wir bis heute befreundet.

Raimund, der Sohn eines Komponisten im Umfeld der christlichen Kirche entwickelte sich ebenfalls zum ausergewöhnlichen Musiker, sprich: Organist. Er war jedoch, obwohl dann im Besitz der entsprechenden Zulassungen, von seiner Intention her nicht unbedingt dieser in der Regel unsichtbare, musikalische Begleiter zum Gottesdienst. Die Anfang der 70er aufkommenden elektronischen Orgeln hatten es ihm angetan, einer eher experimentellen Musik, gar Rock und Pop war er zugeneigt und sein Markenzeichen der freie Vortrag ganz ohne die ansonsten obligatorischen Noten vom Blatt.

Bernd M. hatte -wie schon erwähnt- recht früh eine feste Freundin, arbeitete nach seiner Ausbildung beim Berliner Lette-Verein und war ansonsten wohl auch faktisch der Alternativste von uns dreien; vom Aussehen mit (beinahe) Rauschebart bis zum Umgang mit den aufkommenden leichten Drogen ... 

Me (Bernd E.) hatte erst später eine Freundin, welche dann gar die Eherfrau wurde und arbeitete jenseits einiger sog. 68er Aktivitäten relativ zielstrebig am langen Marsch durch die Institutionen; Kinder und alles was so dazu gehört gern eingeschlossen.

Raimund P. erlebten wir irgendwann in den 70ern bei einem von Yamaha gesponserten Konzert in der Berliner Urania; sahen uns dort zum letzten Mal. Raimund war wohl viel "in Sachen Yamaha" unterwegs; nicht zuletzt in Japan. Eine Spur dieser Aktivitäten lässt sich auch heute noch finden, die zu Electone (a trademark used for electronic organs produced by Yamaha). Gemäß diesem Link ist Raimund 1973 und 1978 dort aufgetreten und in den entsprechenden Kategorien zu finden.

Bernd M. entwickelte ein Faible für die italienische Sprache, brach irgendwann in den 70ern hierzulande (fast) alle Brücken hinter sich ab und ging nach Italien. Er lebt nach einigen beruflich bedingten Abstechern in Mailand etc. nun seit langen Jahren unter recht bescheidenen Umständen in der Valle Maira, südwestlich von Turin hoch in den Bergen gelegen. Zweimal haben wir ihn dort um die Jahrtausendwende besucht, wohnte er mit seiner italienischen Frau und zwei kleinen Kindern bei einem Schafhirten in Stroppo. Im Frühjahr 2012 war ich nochmals dort in der Gegend, hatte jedoch keine Information über den aktuellen Aufenthaltsort von Bernd, lebte er zu dieser Zeit dann wohl nicht mehr in Stroppo; mittlerweile im nahegelegenen Dronero, wie ich später erfuhr. Dennoch, einen kleinen Eindruck von der Gegend mag dieser, mein damaliger Reisebericht geben.

Von Raimund hatte ich zu dieser Zeit und sehr unverbindlich gehört, dass er verstorben wäre. Eine heute mögliche Recherche via dem Internet brachte jedoch keine weiteren Ergebnisse, außer den weiter oben bereits verlinkten Aktivitäten in Japan. Vor wenigen Tagen nun, über einen Ende der 1960er ebenfalls zu unserer Gruppe im Sportverein gestoßenen Freund (der es seinerseits über einen zufällig getroffenen Bekannten aus alter Zeit erfahren hatte) erhielt ich diese Information - nebst dem konkreten Hinweis auf die Grabstelle.

Die Inschrift bzw. Überschrift auf dem Grabstein darf wohl andeuten, dass Raimund bis zuletzt nicht allein war.

Ruhe in Frieden ...  

Kommentare

wurden aus unserer gemeinsam erlebten Jugend- und Sportzeit wieder lebendig, als ich an Raimunds
Grab stand und die Gewissheit hatte, dass er wirklich schon so lange tot ist, wie mir am Rande eines
Fußballspiels von einem Vertrauten unseres Freundes berichtet wurde.
Rückblickend bleibt die tiefe Trauer und die Erkenntnis, wie ungerecht das Leben oft ist. Raimund war so
vielseitig talentiert wie kaum ein Anderer, auch sehr ehrgeizig und stets hilfsbereit. In meiner Grundschulzeit
hatte ich bei seinem Vater Unterricht in katholischer Religion, später lernte ich Raimund kennen, als er
im Gottesdienst in der Kaulbachstraße Harmonium spielte. Die große Liebe zur Musik und zum Sport ver-
band uns viele Jahre. Raimund war auch Fußball-Fan und ein "vorzüglicher Techniker" am Ball, wie wir ihn
am Schluss eines Hallen-Trainings in der Leichtathletik-Abteilung damals oft erlebt haben.
Irgendwann in den späteren Jahren verlor sich der Kontakt zu Raimund, und ich wollte es zuerst kaum
glauben, dass er in schwerer Krankheit aus der Blüte des Lebens gerissen wurde. Er wurde nur
47 Jahre alt - ich selbst kenne ihn mehr aus seinen jüngeren lebenslustigen Zeiten.
Immer wieder haben wir über ihn gesprochen, ohne zu wissen, dass er längst seine letzte Ruhe
gefunden hat.

In stillem Gedenken

Martin P.