26 Feb 2013

Die Piraten waren gestern - hierzulande

Submitted by ebertus

Die Piraten hierzulande hatten ihre Chance. Aber vielleicht sollten sie zu schnell, schneller als damals die Grünen eingenordet werden, fanden das -zumindest in Teilen und bis zum aktuellen Vorsitzenden- nicht einmal ganz schlecht. Und die gesellschaftlichen, die sozialen Verhältnisse sind hierzulande wohl noch nicht reif für einen "Grillo" - und das gar in Taten, nicht nur in wohlfeilen Worten.

Wie eine Alternative zum bestehenden System zumindest in Ansätzen sehr konkret aussehen kann -nicht unbedingt muss- ist zur Zeit in Italien zu beobachten; in einem doch durchaus demokratischen Kontext, der nun wohl schleunigst "reformiert" werden muss - und dies nicht nur in Italien. So eine direkte und systemisch nicht abhängige Stimme in derartigen Wahlen kann durchaus ganz schön gefährlich werden für die Mächtigen, die fast alles Besitzenden. Wenn Menschen in zunehmender Zahl wenig bis nichts mehr zu verlieren haben, dann wählen sie schon mal "falsch". Auch die staatsräsonale, die großmediale Gehirnwäsche kann dabei irgendwann nur noch das Schlimmste verhindern; wenn überhaupt, wo das Abendland doch immer gleich mal unterzugehen droht.

Die "Nichtpartei" von Grillo als Vertreter der sehr real absehbaren verlorenen Generation -und dies nicht nur in der offensichtlich erkennbaren Südpheriperie- hat heute noch ander Alternativen, andere Möglichkeiten als einen eher dumpfen Nationalismus, wie er in Italien, in Spanien und gerade auch in Deutschland in der ersten Hälfte des vorherigen Jahrhunderts zu den bekannten Entwicklungen führte.

Eine unfähige, sozial bewußt blinde politische Führung ist ebenfalls keine rein italienische Spezialität. Das staatliche Schulsystem ist schlecht, genauso wie die Universitäten und das Gesundheitswesen. Die öffentliche Infrastruktur geht vor die Hunde, wie beinahe täglich zu erleben, immer wieder zu lesen ist. Und so viele Kriminelle, gar Terroristen kann es ja kaum geben, welche der Berliner S-Bahn beispielsweise das fahrgastfreundliche Leben durch ein verwerfliches Verhalten schwer machen, oder? Andererseits oder genau in der beinahe zwangsläufigen Kontinuität: Überall bereichern sich Mitglieder der politischen Kaste und schieben ihren Spezis Jobs und überteuerte Aufträge zu. S21 ist da hierzulande wirklich nur die Spitze des bekannten Eisberges - an dem selbst eine Titanic kläglich scheitern kann, obwohl man es auch damals und vor Tische ganz anders las.

Natürlich, die Konservativen und irgendwann gar die Rechten zu wählen, das war für "kleine Leute" immer die erste Entscheidung und soweit zur "Wahl" aufgerufen; noch vor einer bewußten Nichtwahl, welche oft eher von Menschen getroffen wird, die zur politischen, gern zur gesellschaftspolitischen Differenzierung fähig sind. Und diese Menschen abzuholen, ein Stück weit wieder in den politischen Prozess der Willensbildung einzubinden, dass hat Grillo mit seiner Bewegung dort in Italien wohl geschafft.

Quintessence: Es muss so Einiges zusammen passen und das Weitere ist relativ offen.

 

was soll man denn von Wählern halten,

die einer vorbestraften populistischen Witzfigur ein Viertel der Stimmen schenken? Richtig: absolut nichts, die müssen doch einen an der Klatsche haben.
Die dann aber noch zu den Menschen zu rechnen, "die zur politischen, gern zur gesellschaftspolitischen Differenzierung fähig sind", ist schon mehr als grenz wertig, wenn es denn überhaupt ernst gemeint ist.
Das gilt auch für die völlig abstruse Charakterisierung von "bewussten Nichtwählern".

Und von einem "Autoren", der sich (wie im Falle der Beschneidungsdiskussion) die in Bezug genommene Quelle (Wikipedia) zunächst selbst so passend zurecht schreibt, um sie dann in den eigenen Blogs zu zitieren, halte ich erst recht nichts.
Überhaupt sollte man mit Angehörigen der Spezies "RechtsverdreherInnen" lieber erst gar nicht in Dialog treten, denn die haben natürlich immer Recht.........

Bei den Piraten ist das letzte Wort auch noch nicht gesagt, sind doch nur die falschen (defizitären) Leute in den Fokus und somit in die öffentliche Diskussion geraten, mit denen sich dann (potenzielle Wähler) nicht identifizieren mögen. Und da sind Bundesgeschäftsführer Johannes Ponader und Christopher Lauer, Fraktionschef im Berliner Abgeordnetenhaus, nur zwei Fremdschäm-Negativbeispiele. http://goo.gl/yr11c

Aber da gibt es auch fähige Leute, und wenn die in den Fokus geraten, dann kann alles noch gut werden.

Bewusst differenzieren,

bewußt "falsch" oder gar Nichtwählen, gern @Forenboy

Zu denen zähle ich mich ebenfalls und habe weiter unten ja gerade ein Beispiel gegeben, wie differenzieren gehen darf, wie ein mit Gewinn gelesener Freitagsblog in seinem Verhältnis zu dem Autor differenziert und gar positiv adaptiert werden kann.

Der genannte Autor übrigens, der legt nach; wenngleich (lediglich) mit einer Übersetzung aus dem italienischen Grillo-Blog. Habe mich dort beim Freitag gerade selbst kommentarisch etwas eingebracht. Und wie gesagt, hierzulande ist die große Mehrheit der Menschen noch nicht soweit, kann Steinbrück gar selektiven Beifall für seinen "Clown"-Erkennung einfahren, wenngleich und richtigerweise der italienische Staatspräsident genau deswegen ein Treffen mit dem Peer abgesagt hat. Ergebnisse demokratischer Wahlen und in dieser Größenordnung derart zu qualifizieren ist genau das Dachlattenprinzip der neoliberalen SPD.

Btw. Grillo, und wegen der immer notwendigen Selbstreflektion. Bereits damals in den 1968ern war ich weniger mit der trockenen, akademischen Nahrung eines Rudi Dutschke denn mit der eines Wolfgang Neuss, eines Fritz Teufel, eines Rainer Langhans verbunden. Das wirkt nach...

"bewußt "falsch" oder gar Nichtwählen,

gern @Forenboy, zu denen zähle ich mich ebenfalls..."

Ich kann eine derart egoistische Sichtweise, die zu nicht vorhersehbaren katastrophalen Entwicklungen führen kann, nicht im Mindesten gut heißen, weil damit die Prioritäten völlig falsch gesetzt werden.
Hätten Wahlen keine gesellschaftliche Bedeutung, könnte man sich solche Spielchen leisten.

Nicht-Wählen, ob bewusst oder nicht, und bewusstes Falsch-Wählen, was hier als intellektuelles Korrektiv "verkauft" werden soll, ist und bleibt verantwortungslose pure Dummheit, da ist "Clown" noch eine liebenswürdige Verharmlosung, und keine Beleidigung.
Dass die absolute Mehrheit der Nichtwähler zum abgehängten Prekariat gehören, dürfte wohl unstrittig sein.
Dass ein gleiches (dummes) Verhalten nun eine intellektuelle Glanzleistung sein soll, grenzt schon an den Versuch von Volksverblödung. In diese Bewertung schließe ich übrigens Jakob Augstein ausdrücklich ein, der ja die gleiche (dumme) Haltung vertritt.

Herrlich - dieser DDR-Reload

Dort gab es eine faktische Wahlpflicht, verbunden mit faktischem "richtig wählen".

Habe noch die Sonntagsreden "unserer" bundesrepublikanischen Politiker (nebst Hoppehoppe-Medien) im Ohr, dahingehend was den freien Westen auch wegen seiner demokratischen Wahlen von den sog. Unrechtsstaaten unterscheidet. In den vielen Diskussionen "drüben" mit damals (verantwortungslosen? dummen?), in jedem Falle kritischen DDR-Geistern wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass dieses "Denken" irgendwann auch mal hierzulande relevant werden könnte.

Von der Qualifizierung als Clown bzw. clownesk, einem dergestalt zu benennenden Wählerverhalten bis zur aktiven Regulierung, Reglementierung des Wahlrechts dürfte es dann nicht mehr weit sein. Verschiedene, durchaus ernst zunehmende und ein Stück weit einflußreiche Stimmen gab es ja dazu in der jüngeren Vergangenheit auch hierzulande.

Eine gewisse Eile bezüglich der notwendigen Korrekturen des Wahlrechts ist wohl angesagt, auch wenn hierzulande das Clownpotential noch keine italienischen Verhältnisse erreichen dürfte; noch nicht....

Und ob die "absolute Mehrheit der Nichtwähler zum abgehängten Prekariat" gehört, das sei mal dahin gestellt. Das ist mir zu pauschal und materielles "Unvermögen" ist nicht -zukünftig noch weniger- gleichzusetzen mit intellektuellem Unvermögen. Der Begriff vom sog. "akademischen Proletariat" ist mir erstmals bei der SZ aufgefallen, sehr real gar in verschiedenen "Beziehungen". Natürlich, eine gewisse Klientel ist mit Brot und Spielen ruhig zu stellen; andere jedoch nicht - und das ist auch gut so!

irgendwie lustig, wie sich ein Anhänger einer der größten

Gruppe bei Wahlen, nämlich der Nichtwähler, so seltsam argumentierend nicht der "Wahlpflicht" erinnert.
Gehört es doch zum Wesen einer (halbwegs) funktionierenden Demokratie, dass möglichst alle Mitglieder ihren freien Willen bekunden.

Seltsam auch, dass sich genau diese Gruppe hinterher darüber beschwert, dass nichts so funktioniert, wie man es so gerne postuliert, um dann genau mit dem Argument der geringen Wahlbeteiligung die Relevanz der Wahlen zu diskreditieren versucht.

Was das Ganze mit dem Unrechtssystem DDR zu tun haben soll, ist dann nur noch eine weitere Ungereimtheit.

Stiglitz, Krugman - oh je...

Das "oh je" natürlich wegen dem Peer, der dann schon mal weitere Clowns benennen dürfen wollte, sollte; konsequenterweise müsste - ansonsten sich der SPD-Kandidat natürlich in guter "deutscher" Wesens-Tradition bewegt.

Wolfgang Münchau find' ich im Übrigen oft recht treffend, was seinen gesellschaftspolitischen, ökonomischen, volkswirtschaftlichen Durchblick betrifft. Dass er im wirtschaftspolitisch eher neoliberalen Spiegel schreibt, das ist zwar nicht so dolle, aber was soll er machen? Die FTD gibt es nicht mehr und wie sein weitgehend Geistesverwandter namens Lukas Zeise in der JW zu schreiben, dafür ist Münchau wohl noch nicht "weit genug".

Link zu SPON

wenn Grillo bei seiner angekündigten Totalverweigerung bleibt,

dann nützt jedes intellektuelle Schönreden des Clowns Beppo weder den Italienern, noch €-Europa.

Dutschke contra Langhans

ist wie konsequente Ernsthaftigkeit contra lächerliche rückgratlose Dschungelpeinlichkeit. Das sind schon peinliche "Nachwirkungen". Zu den beiden anderen traurigen Gestalten sage ich aus Pietät erst gar nichts.

Diese Grill(o)-Party kann der italienischen Wirtschaft den letzten Rest geben, erste negative Auswirkungen sind ja bereits erkennbar. Dass Steinbrücks "Klartext", passend zum Motto der Veranstaltung abgegeben, vom politischen Gegner für Wahlkampf instrumentalisiert wird, wundert mich nicht, Recht hat er trotzdem.

Vielleicht öffnet das den depperten Italienern, die die beiden "Clowns" gewählt haben, die Augen, wenn sie morgen die Äußerungen Steinbrücks in allen italienischen Blättern auf Seite 1 lesen können.

Dann war es doch eine gelungene Aktion.
Denn wenn ohne neue Einsichten jetzt Neuwahlen durchgeführt würden, erhielten die beiden Clowns die Mehrheit, dass ist so sicher wie das morgige Ende von Ratzingers gescheiterter Amtszeit.

"Empört Euch" sollte vielleicht auch mal in Italien gelesen werden.

Informativer FreitagsBlog

Hingewiesen sei hier auf den interessanten Freitagsblog  eines (mit Sicherheit) Insider, was die Verhältnisse in Italien betrifft. Der ausdrücklich als "persönliche Betrachtung" deklarierte Text lässt schlußendlich eine gewisse Sympathie, zumindest wohlwollende Toleranz erkennen, was dieses demokratische Votum betrifft; ein Votum über den vordergründigen Protest hinaus.

Auch die sich anschließende Diskussion ist (nach)lesenswert.

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Hingewiesen sei hier jedoch ebenfalls auf die (zumindest für mich) relevante Tatsache, dass mir der anonyme [sic] Autor des Blog auf einer oft aggressiv-persönlichen Ebene gepaart mit latentem Sexismus durchaus nicht unbekannt ist; und keinesfalls nur dahingehend, was die eigene Erfahrung mit eben diesem Nick betrifft.