6 Sep 2013

Symbolische Schweinereien

Submitted by ebertus

Das Dollar-Symbol stört wenig, das (christliche) Kreuz noch weniger, Shell-Oil ebenfalls nicht, dieses Symbol mit Hammer&Sichel gibt es ja kaum noch und der Halbmond, dort wo die Schurken wohnen, der ist wohl ganz richtig plaziert, oder? Nur der Davidstern darf da nicht rauf auf das fliegende Schwein bei dieser Bühnenshow des Roger Waters.

Doppelte Standards ? Kunst darf alles, oder? Ganz falsch gefragt zu dieser Causa, weil Kunst, Kultur, Musik etc. lediglich das Vehikel geben, auf dem ganz andere Schlachten geschlagen werden.

"Dieses Agitrock-Spektakel muss man nicht ernst nehmen und kann die Musik trotzdem mögen" schreibt der Tagesspiegel und mehr noch wäre ein "Kunst darf alles" vielleicht hinzuzufügen. Wer die Historie des Pink Floyd Stückes "The Wall" kennt, den gleichnamigen Film gesehen hat, der sollte heute nicht wirklich entrüstet sich geben ob der angedeuteten NS-Symbolik.

Wenn Kunst das nicht mehr kann, nicht mehr darf, dann wären wir ja wieder -gern spiegelverkehrt?- in einer Zeit, wo auch Bücher verbrannt werden, wo flächendeckend und anlasslos von den Guten gut überwacht wird. In einer Zeit, wo die Guten gute und damit politisch korrekte Kriege führen, wo selbst schlichtes Morden in gutes und schlechtes Morden ausdifferenziert wird. In einer Zeit, wo dafür dann gute, notwendige oder eben schlechte, gar zu ächtende Waffen eingesetzt werden. In einer Zeit wo die ebenfalls, des hehren Zieles wegen denn notwendigen Kollateralschäden die Zahl der echten Schurken bei weitem übersteigt und dennoch gute Soldaten den notwendigen Befehlen einfach nur pflichtgemäß folgen.

US-amerikanische "political correctness" also, gepaart mit einer gehörigen Portion Bigotterie könnte man vermuten und die doppelten Standards gelten natürlich immer nur dann, nur solange wie sie für die jeweiligen Protagonisten, deren Sache nützlich sind. Bei Roger Waters ist das aktuell jedoch wieder ganz anders, scheint er er nach Jakob Augstein der nächste potentielle Kandidat für ein skurriles SWC-Ranking. Der Vorwurf des Antisemitismus muss zwar ebenfalls sehr um die Ecke konstruiert werden, wie dies Roger Waters dies in seiner Antwort an Abe Foxman deutlich macht, aber Antizionismus, was gerade die israelische Ausprägung betrifft, der darf schon sein. Wobei es dem guten Roger nichts nützen wird, gegenüber Foxman auf jüdische Freunde und Verwandte hinzuweisen. Wer Israel kritisiert ist Antisemit. Per inflationär zelebrierter Definition! Es sei denn -siehe weiter unten- er oder sie ist jüdischen Glaubens. Dann im besten Falle ein Selbsthassender, ein Alibijude, sprich: ein verwirrtes, gefallenes Schäfchen. Doch sehr einleuchtend, oder?

Waters jedoch ist kein Jude, ist ein aktiver Kritiker der Siedlungspolitik Israels. Er ist Mitglied im Russel Tribunal, einer Nichtregierungsorganisation, die sich für die Aufklärung mutmaßlicher Kriegsverbrechen Israels an Palästinensern einsetzt. Er unterstützt die weltweite Kampagne des Boykott, Divestment, Sanctions (BDS), die unter anderem dazu aufruft, Produkte aus den israelischen Siedlungsgebieten zu boykottieren, bis Israel mit den universellen Prinzipien der Menschenrechte übereinstimmt. Gerade bei letzterem befindet sich Waters in Übereinstimmung mit Peter Beinart, der hierzulande kürzlich im Zusammenhang mit dem sog. SZ-Karikaturenstreit bekannt wurde, der jedoch -und nun in deutscher Übersetzung verfügbar- bereits Anfang 2012  ein Buch in den USA veröffentlichte, welches dieses kritikwürdige israelische Gebaren sehr explizit benennt.

Interessant auch hier die doppelten Standards. Peter Beinart wie auch kürzlich Michael Wolffsohn (zur jüngsten Kampagne des SWC) kritisieren Israel, kritisieren israelisch-amerikanische Lobbyorganisationen mit oft deutlichern Worten als ein Jakob Augstein dies je getan hat, ein Roger Waters dies wohl je tun wird. Dennoch dürfte klar sein, dass es weder Beinart noch Wolffsohn auf diese Steckbriefe des SWC schaffen, während Augstein dort bereits porträtiert ist, Waters mit hoher Wahrscheinlichkeit folgen wird.