2 Jun 2010

Brief an einen Freund, ein bekennendes FDP-Mitglied

Submitted by ebertus

Mein lieber Freund, klagen auf hohem Niveau ist nicht mein Ding; und wenn Du dies manchmal zelebrierst, so wissen wir ja beide um die Abwesenheit der Maslow'schen Existenzebene.

Nein, Finanzämter zünde ich nicht an, FDP-Parteizentralen wohl ebenfalls nicht. Nun jedoch scheint Dein Parteifreund Rösler eine sehr ernsthafte Operation zu dieser bereits lang diskutierten Kopfpauschale einzuleiten, eine doch substantielle Belastung gerade auch von Ruheständlern, besonders sich auswirkend im Rahmen von (bislang?) beitragsfrei mitversicherten Ehepartnern. Da Du mich kennst, ist Dir meine häufig vertretene Philosophie der Bevorzugung eines Endes mit Schrecken vor dem Schrecken ohne Ende sicher nicht unbekannt. Also lieber Freund...,

gehen wir da mal ganz sachlich die Konsequenzen durch, obwohl natürlich noch nicht alle Details bekannt sind. Die grobe Linie ist klar und der Kreis derer, die fühlbar belastet werden ebenfalls. Wer wenig bis nichts hat - wie immer mehr Menschen in diesem Lande - sollte bzw. wird dabei wohl (hoffentlich) auch wenig bis nicht belastet werden (können). Und das wäre gut so, denn die gern und auch im medialen Mainstream versuchte Instrumentalisierung der Schwachen gegen die noch Schwächeren verfängt bei mir nicht. Da lasse ich mich nicht aufhetzen, weiss schon sehr genau, wer nun für die Rettung von Banken und Kapital, von Macht und Besitzstand gerade im Hinblick auf die nächsten Generationen verpfändet, verkauft und versklavt werden soll.

Also, ein Ehepaar (Ruheständler beispielsweise) wird ab 2011 gemäß diesem Rösler/FDP-Plan mit netto 60,- Euro zusätzlich pro Monat belastet. Dies ist für sich betrachtet schon keine Kleinigkeit, andere Steuern- und Abgabenerhöhungen kommen mit größter Sicherheit noch hinzu. Es bleibt also nicht mehr viel Zeit, sehr ernsthafte - allgemeine, und spezielle - Sparanstrengungen zu prüfen, dann zeitnah in die Wege zu leiten. Denn Eines ist klar, die unterste Ebene der eingangs genannten Bedürfnispyramide muss in jedem Falle sichergestellt werden. Daher ist dies nicht als Klagelied zu verstehen sondern entspricht dem vorausschauenden Pragmatismus, der Sicherstellung von (vielleicht subjektiven) Essentials. Und es möge für anderweitige, geneigte und vielleicht interessierte Leser ein partieller Schnelldurchlauf sein, zu möglichen Sparpotentialen auf einem gewissen, nicht unbedingt hohen Niveau.

Man sollte weiterhin agieren können, nicht verzweifelt reagieren müssen.

Wenn ich Parteimitglied (nicht nur der FDP) wäre, so würde ich nun wohl austreten. Gleiches müsste für die ebenfalls nicht gegebene Mitgliedschaft in der Gewerkschaft gelten und natürlich auch für die Kirche. Beiden Organisationen habe ich, haben wir bereits vor langen Jahren den Rücken gekehrt. Die sog. Beraterbank wurde bereits gegen die Sparda-Bank getauscht und alle Versicherungen kamen in den letzten Jahren ebenfalls auf den Prüfstand. Da ist nicht mehr viel zu kürzen und auch bei Telefon, Internet und Handy(s) liegen die substantiellen Sparanstrengungen bereits hinter uns. Bei Heizung und Warmwasser haben wir uns, obwohl dahingehend keine Sozialschmarotzer, von den zielführenden Sparvorschlägen des SPD-Mitgliedes Sarrazin beeinflussen lassen und aus der (von vielen Nordamerika-Besuchen) in relativ großem Umfang vorhandenen Bekleidungsaustattung wachsen wir ja auch nicht mehr heraus, nein, nutzen diese kaum mehr so stark ab.

Zeitungen und Zeitschriften werden in diesen, an den Grundwerten des Abendlandes rüttelnden "alles umsonst" Zeitalter des Internet nur noch sehr sporadisch gekauft, CD's und DVD's etc. - weil wir ja nun beinahe alle unter Generalverdacht als Gefährder stehen, sowieso in der Regel und auch ohne Liechtenstein-Connection kriminalisiert sind - werden natürlich tiefschwarz und vollkommen ohne Schuldgefühle downgeloaded - soweit man das braucht... Lediglich Bücher, reale papierne Bücher haben (bei uns) weiter Hochkunjunktur. Die "Puppet on an string" bei Amazon, Apple etc. wollen wir nicht geben; also anonym kaufen, cash bezahlen und tschüss. Da hilft (dem Staat, den Mächtigen) dann bestenfalls die Feuerwehr aus Fahrenheit451. Dennoch, auch bei Büchern kann man trotz hochgehaltener Preisbindung sparen. Bei "unserem" Hugendubel in der Schloßstraße (Berlin) zum Beispiel lohnt es sich, immer mal wieder die (Krabbel)tische mit den "Mängelexemplaren" zu betrachten. Dort ist so manches Schnäppchen zu erstehen, um die sog. "Mängel" wüsste man nichts, wenn da unten am Buch nicht dieser Stempelaufdruck wäre - der beim Lesen jedoch keinesfalls stört...

Es ist also wirklich keineswegs einfach, von einem nicht unbedingt hohen, aber dennoch solventen Niveau mal eben schnell 60 bis (geschätzt) 100 Euro monatlich ab Januar 2011 einzusparen, da muss man schon an das Eingemachte, an das Liebgewonnene. OK, wenn der Euro (erwartbar) gegenüber dem Dollar weiter sinkt, so ist auch das Nordamerika von Bushama vorerst gestorben. Wegen der mir doch wichtigen, sprachlichen Verständigung darf es nun vielleicht auch (mal wieder, nur intensiver) England oder Schottland sein. Das Pfund ist lange nicht mehr das, was es mal war. Lediglich der Linksverkehr dort könnte unangenehm werden, gerade mit dem Steuer auf der "falschen" Seite; das wird dann wohl im Ernstfall auf einen Mietwagen hinaus laufen.

Und natürlich die Automobilindustrie ist immer "gut" für Sparanstrengungen. Junge Leute mit Nachwuchs brauchen Platz, gern auch meinen relativ neuen Kombi, und eigentlich sollte es im Frühjahr 2011 einen Ringtausch geben. Das steht nun erst mal zur Disposition und der ältere Kleinwagen der Tochter muss weiter rollen - ich krieg dann natürlich auch keinen Neuen. Weiter zum Thema Technik: Zwei (ältere) Notebooks im Familienkreis rüste ich zur Zeit gerade mit erweitertem Hauptspeicher (jetzt 2 GB) aus, größere Festplatten sind bereits seit dem letztem Jahr drin; und es läuft dann ggf. und "irgendwann" auch Windows7. Handys haben wir ebenfalls genügend, da gibt's für den Rahmenvertrag entsprechende Gutschriften statt neue Modelle, die natürlich "noch mehr" sog. Funktionalität bieten (was "man" nicht wirklich braucht); aber sie können immer noch nicht Kaffee kochen...

Was gibt es außerdem an Sparmöglichkeiten? Weniger Herumfahren, Besuche bei Freunden einschränken ist natürlich möglich, hat aber als Kostenreduzierung zur Zeit (noch) nicht diese hohe Priorität. Wenn die Zeiten, was zu erwarten sein dürfte, in Richtung "Soylent Green" noch härter werden, dann sollte man sich schon gegenseitig helfen können und wollen. Jetzt gehe ich erst mal in den Keller und schaue nach dem Stand unserer Vorratshaltung. Gold kann man nicht essen, auch nicht in kleiner, praxisgerechter Stückelung.

In diesem Sinne also verbleibe ich nun erst einmal; see you later ...

 

Aus gegebenem Anlass,

und wegen besorgter, telefonischer Rückfragen:

Es geht mir - ist das nicht deutlich geworden? - keineswegs um Jammern auf hohem Niveau. Und kokettierend in Sack und Asche gehen, sich arm, alt, krank und schwach zu offenbaren ist mir doch ebenfalls etwas fremd; dass kommt vielleicht noch - partiell zumindest. Bewußt agieren, ehe man nur noch reagieren kann, ist eher das Credo, die Botschaft dieses Textes. Wer also mehr besitzt, als existentiell unbedingt zum (Über)leben notwendig ist, der sollte selektiv und gezielt sparen, sich dennoch nicht kasteien. Und noch Eines, gerade gegenüber marktradikalen FDPlern immer wieder betont: Ich habe weniger Sorgen um mein eigenes (sterbliches) Überleben, als davor, dass der zunehmenden Masse von Besitz- und (ja) Rechtlosen nichts anderes übrig bleibt, als mir oder meinen Lieben etwas über den Kopf zu geben. Gated Communities sind kein Ausweg, eher Irrweg. Die absolut Schwachen gegen die relativ Schwachen aufzuhetzen ist essentieller Bestandteil neoliberaler Philosophie. Dies sollte man erkennen und dagegen sollte, nein muss man Widerstand leisten.