25 Apr 2013

Abgesang auf das "Jüdische"

Submitted by ebertus

Zumindest ein antideutscher Kollateralschaden, wenn man dem ansonsten bedingungslosen, oft besinnungslosen Israelsupport Glauben schenken wollte. Seitdem sich "das Jüdische" via der Beschneidung anschickte, auch hierzulande Jahrtausende alte Riten und Gebräuche über den säkularen Staat, das Grundgesetz zu stellen, da gingen bei den eher bellizistisch orientierten "best friends" alle Alarmglocken an.

Nachdem sich in Sachen Beschneidung der Staub des Schlachtgetümmels etwas gelegt hat, so ist nun ein gewisses Wundenlecken angesagt, gerade bei denen, welche in der Vergangenheit als im Grunde Säkulare, als Atheisten gar "das Jüdische", "das Judentum", das "Judenblut" zu einem historisch-gruseligen Fetisch machten und als diskursives Kampfinstrument einsetzten. So nahe wollte man dem Jüdischen, jüdischer Kultur und Religion wohl dann doch nicht treten. Die Beschneidungsdebatte sorgte für "neue Freunde" stellte "alte" hintenan und es bildeten klassische Querfronten. Die Zeitschrift Bahamas, als intellektuelles Flaggschiff der sog. Antideutschen und zumindest in der Szene bekannt, sie lud am 24.04.2013 zu einem Vortrag mit anschließender Diskussion ins Laidak, eine eher von Antideutschen frequentierte Szenekneipe. Bereits der Einladungsflyer bringt das Dilemma der ansonsten ziemlich besten Freunde auf den Punkt: 

Die antiisraelische Kampfpresse und die israelsolidarische Szene waren sich in allen Punkten einig, als sie ein unwichtiges Urteil über einen Fall islamischer Knabenbeschneidung als Generalangriff nicht etwa auf die Moslems, sondern auf die Juden in Deutschland deuteten. Gegen jede Evidenz wurde behauptet, das Verbot der Brit Mila stünde in Deutschland unmittelbar bevor - eine interessierte Lüge, die allein dazu diente, die auch religionskritische Frage nach der Sinnhaftigkeit eines keineswegs so kleinen Schnitts am männlichen Sexualorgan als antisemitisch zu diskreditieren.

 

Die in der Einladung erwähnten "nichtjüdischen Juden", abgeleitet nach Isaac Deutscher dürfen nun wohl der neue Fix- und Bezugspunkt für den bedingungslosen Israelsupport hierzulande werden, müssen jedoch (siehe weiter unten) mit bestimmten Kriterien und Anforderungen konform gehen. Religion und anderes kulturelle Gedöns darf sich dabei gern in das Private zurück ziehen; hierzulande wie natürlich auch in Israel. Allerdings sehen das nicht alle so, die ansonsten sofort und zumindest in verbalem Gestus gemeinsam gen Teheran marschieren würden. Sektenkrieger unter sich? Und so mag im Folgenden auf einige Texte, Ergüsse gar dieser nicht wenig skurrilen Szene eingegangen werden, deren spagatige Bemühungen und vermeintliche Schadensbegrenzungen das alles nur noch schlimmer, jenseitiger machen.

In Polemos Nr. 5 stellt ein Leo Elser nicht wenig kühn die Behauptung auf, das die Beschneidungsdebatte natürlich antisemitsch war und ansonsten vollkommen falsch geführt wurde. Die offiziellen Vertreter jüdischer Interessen kommen bei Elser noch vergleichsweise gut weg, attestiert er ihnen zumindest ein Dilemma, bei dem nichts zu gewinnen gewesen wäre. Ansonsten -und Genaues weiss man nicht bei dem Autor- outet sich Elser zumindest ein wenig als Beschneidungsgegner, auch wenn sein Postulat voll daneben greift, es jenseits der religiösen Begründung via derer, in einem Dilemma befindlichen sog. Berufsoffiziellen intensive und durchaus seriöse Debatten über die Beschneidung an sich gab und weiterhin gibt:

Bemerkenswert auch, dass die gesamte Debatte über nicht ein einziges Mal über die durchaus fragwürdige medizinische Beschneidungspraxis diskutiert wurde, sondern ausschließlich die nicht-indizierte religiöse Beschneidung in Frage stand. [...] Nur unter der Bedingung, dass es ausschließlich um den Sinn der Beschneidung gegangen wäre und nicht um das Verhältnis der Deutschen zu den Juden, wäre eine Abwägung all der medizinischen und juristischen usw. Argumente überhaupt auch nur streitbar.

Nicht wenig klingt der zweite Absatz wie das bekannte "Pfeifen im dunklen Wald" oder besser noch als ein beherztes "Haltet den Dieb". Denn es waren doch gerade die Berufsoffiziellen, die Vertreter jüdischer Interessen hierzulande, nebst der über die Bande johlenden Antideutschen, welche auf das Verhältnis "der Deutschen" zu den Juden abhoben. Und das führt nun zu einem zweiten Text, wo sich ein ebenfalls "best friend" gar mit einem amerikanischen Großkopferten anlegt. Felix Riedel, der sich mit diversen Texten sehr eindeutig als Beschneidungsgegner positioniert hat, er möchte von Alan Dershovitz nicht in ewige Sippenhaft genommen werden, weiß gar besser als der amerikanische Jude wie Antisemitismus "richtig" zu definieren ist, bescheinigt dem Amerikaner dahingehend einen Reflexionsausfall.

Und Riedel macht in einem neueren Text deutlich, was er zu den beschneidungstechnischen Warmduschern von Polemos et al. zu verkünden meint. Für Riedel ist die Beschneidung Genitalverstümmelung; jede! Und die Kastrationsdrohung bei älteren, gerade muslimischen Kindern mag dann noch dazu kommen, lässt sich Riedel jedoch nicht dahingehend vereinnahmen hier die "gute", jüdisch-männliche und dort die "schlechte", gar auch weibliche, muslimische Beschneidung in den Vordergrund zu stellen.

 

Irgendwo zwischen Leo Elser und Felix Riedel ist dann Justus Wertmüller anzusiedeln, der neben Thomas von der Osten-Sacken den eingangs genannten Bahamas-Event gestaltete. Er sieht bis auf Ausnahmen und mögliche Trittbrettfahrer keinen Antisemitismus in der Beschneidungsdebatte. Wertmüller als impliziter Namensgeber für den Blogtitel hier stellt dagegen das Jüdische, die jüdische Identität auf den Prüfstand:

Die deutsche Debatte über die Beschneidung war nicht antisemitisch, auch wenn Leute, deren fanatisch vorgetragener Atheismus sie nur allzu leicht ins antisemitische Fahrwasser leiten kann, daran beteiligt waren. Sie ist vielmehr einer Sehnsucht nach einem neuen Bund verpflichtet, der hinter den der Juden weit zurückfällt, gerade weil besinnungslose Beschneidungsbefürwortung verschweigt, dass die jüdische Religion, nähme man sie ernst, auf dogmatische Verweise auf den alten Ritus leicht verzichten könnte. Die Antisemitismusunterstellungen an alle Beschneidungskritiker sind der autoritäre Aufschrei nach Bestandsschutz für jede identitäre Gemeinschaft, zu denen dann die jüdische auch gehören soll.

Gerade die jüdischen Berufsoffiziellen und eben hierzulande haben nach Wertmüllers Meinung in der Debatte wohl versagt. Da ist nichts mit einem gern zu verstehenden Dilemma:

Dass die Juden ins Zentrum einer Debatte (...) gerieten, ist zwar zu einem guten Teil jüdischen Verbandsbürokraten zuzuschreiben, die wie der unglückliche  Graumann, oder die Textbausteine rezitierende Charlotte Knobloch von ihren großen Vorgängern Galinski, Bubis und Spiegel nur den Job geerbt haben. [...] Denn solange es Israel gibt, hilft den Juden keine Brit Mila, um ihre Identität so wurzelhaft erscheinen zu lassen wie die anderer Völker. Nach der Erfüllung der scheinbaren Voraussetzung fürs Dazugehören in der Welt der Blutsbanden. [...] Warum also sollte man den Alarmrufen von Frau Knobloch und Herrn Graumann so viel Bedeutung beimessen, wie es die Feinde Israels von der linksliberalen Kampfpresse gerade tun? Man kann doch nicht ernsthaft mittun bei der positiven Beantwortung der von Verbandspolitikern gestellten und schon gleich mitbeantworteten Frage, was ein Jude sei. Es sollte sich verbieten, überhaupt einer Anzahl von Leuten gemeinsame Eigenschaften, Kultur, Tradition und damit Wesenheit zuzuschreiben.

Das ist schon starker Tobac, was der Wertmüller da schreibt, in meinem Verständnis gar provozierend unterstellt; wo man doch lange Zeit beinahe Arm in Arm gelaufen ist. Beileibe gehörte zu den Befürwortern von Beschneidung nicht nur die genannte, "linksliberale Kampfpresse", eher das Gegenteil ist richtig. Quer durch alle Parteien gab es parlamentarischen Konsens dahingehend, dass diese Lex namens "nur für jüdische und muslimische kleine Jungs" irgendwie am Grundgesetz vorbei realisiert werden muss.

Die nächste Volte schlägt der genannte Autor dann zu Micha Brumlik und Judith Butler. Ein "erfrischend tabufreies Gespräch" nennt Wertmüller die Diskussion der Genannten Ende 2012 im Berliner Jüdischen Museum. Doch gleich der nächste Absatz hat es in sich:

Brumlik und Butler präsentierten unterstützt von ihren Gastgebern ein Zerrbild des „nichtjüdischen Juden“ und überboten sich mit wahlweise identitären und scheinbar kritischen Volten gegen Israel. Beide attestierten sich gegenseitig, Jude zu sein, es damit furchtbar ernst zu meinen und sich dieser Identität gemäß mit allen Autoritäten anzulegen. Als solche tauchte dann recht einvernehmlich das zionistische Staatsgebilde auf, das Frau Butler mit seinen Todfeinden bekämpft und an dessen Bewohnern Herr Brumlik jene am sympathischsten findet, die wie Frau Butler seinen Untergang herbei wünschen, Mosche Zuckermann zum Beispiel. Und beide bedienten wahlweise den praktizierten Antizionismus oder ließen den in Israel vergessenen Kultur-Zionismus, für den in Deutschland natürlich Martin Buber stehen muss, hochleben. [...] Die jüdischen Verbände in Deutschland haben ins gleiche Horn gestoßen, als sie zum Auftakt einer Beschneidungsdebatte das Judentum zur unhinterfragbaren Gemeinschaft erklärten, die natürlich nur von ihnen definiert werden dürfe. Wie peinlich sich vor diesem Hintergrund ihre Parteinahme für Israel und gegen die Adorno-Preisverleihung an Judith Butler ausnahm, haben sie auch nachträglich nicht bemerkt.

Ok, verstanden! Der antideutsch neu erkorene "nichtjüdische Jude" darf kein "Zerrbild" abgeben, kein reiner Kulturzionist sein, der die Diaspora möglicherweise gleichberechtigt neben Israel oder gar als primäre Heimstatt der Juden sieht. Und wie war das nochmal, von Stefan Kramer bis zu Anetta Kahane, wenn es gegen die "moralisch verderbte" Judith Butler ging...? War diese Qualifizierung von Butler dann doch etwa falsch? Weil es die Beschneidung möglicherweise ebenfalls ist, jede(r) seinen Dreck am Stecken hat? Wenn das Thema an sich nicht so ernst wäre, provozierend schon mal subtil bis offen antisemitisch aufgeladen, ja dann könnte man über derartige Bocksprünge beim nachträglichen "Recht haben" im Grunde nur noch schmunzeln? "Best Friends" unter sich; eben.

 

Zum Abschluß und gar noch mit Bezug auf Sigmund Freud feiert die antideutsche, nun gewendete spiegelverkehrte Blut- und Boden-Ideologie nochmals fröhlich Urständ:

Während die Geschichte des Antisemitismus entgegen der Argumentation der Hetzer und Täter am Besten zeigt, dass es aufs Blut nicht ankommt, wenn Zusammengehörigkeit dekretiert wird, verfallen ausgerechnet im Deutschland des Jahres 2012 jüdische Interessenvertreter und ausgewiesene linke Feinde Israels der Faszination des Blutes.

Einmal mehr "linke Feinde Israels", hierzulande. Faktisch gemeint ist jedoch die ganz große Koalition der staatstragenden Parteien in deren durchaus nicht unumstrittenen "Deal", die Beschneidung im Sorgerecht zu verstecken, die nun zulässige praktische Durchführung im Diffusen zu belassen. Und auch das offizielle Israel will vom trotzigen Freud nichts wissen:

Wie weit jüdische Verbände, aber auch offizielle Stimmen aus Israel in diesem Sommer hinter Freuds trotziges Bekenntnis, er sei dennoch ein Jude, zurückfielen, zeigte stellvertretend das Berliner American Jewish Committees: (...) „Die Beschneidung ist wichtig für die Bildung religiöser und kultureller Identität.“ Das klingt so, als wollte man die deutsche Rasseideologie, dieses übers gemeinsame Blut vermittelte Lebens- und Auslöschungsrecht, nachträglich dadurch außer Kraft setzen, dass nun auch die Juden als gleiche Rasse unter anderen gelten dürfen. [...] Wo früher Sublimierung durch die rituelle Drohung mit Kastration und Enthauptung durchgesetzt wurde, will repressive Entsublimierung heute nicht etwa archaisch, sondern genauso autoritär wie anarchistisch vorbereiten helfen, was Gemeinschaft allein nur heißen kann...

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Da bleibt -und hier final- wohl nur einmal mehr die Frage, wie es denn mit der Deutungshoheit über den Antisemitismusbegriff bestellt ist. Oder anders herum: wenn es "das Jüdische" als Identität nicht(mehr) gibt, kann es dann überhaupt noch Antisemitismus geben? Bleibt im Grunde dann nur der durchaus legitime Antizionismus? Kann letzterer sich nun nicht mehr hinter Antisemitismus verstecken?

Und nicht zuletzt... Dieses -im Grunde- Paradoxon vom "nichtjüdischen Juden" als beinahe verzweifelte Auffangposition der "best friends of...", jenseits der jüdischen Beschneidung, jenseits der jüdischen Religion, jenseits der jüdischen Blutsbrüderschaft  als irgendwie "last resort" des eingangs genannten historisch-gruseligen Fetisch, dieser Begriff vom nichtjüdischen Juden harrt der weiteren Durchdringung; auch hier..!

Auch ein Antideutscher?

Dem hier im Blog erwähnten Thomas von der Osten-Sacken stößt dieser Welt-Artikel von Alan Posener fühlbar auf, wie in einem äußerst kurz gehaltenen Beitrag für die JungleWorld nachzulesen ist. Und nein, nein! Mit der Kommentarüberschrift hier ist nicht der Osten-Sacken gemeint, der zieht sich nach meinem Eindruck lediglich die ihm möglicherweise (ebenfalls?) passende Jacke an.

Wenn Israel derartige Freunde hat, von den Antideutschen hierzulande bis hin zu dem von Posener erwähnten, in den USA und dort in Kreisen eines bedingungslosen Israelsupport erkennbar wohlgelittenen John Hagee; dann kann es nicht wirklich schlecht um die Zukunft dieses (jüdischen) Staates bestellt sein, oder? Gruseln ist mit Sicherheit angesagt, zumindest erlaubt bei diesem Wiki-Eintrag.

In diesem Kontext erhält nicht nur der Kurz'sche "Bauer auf dem Schachbrett..." die ihm realistischerweise zustehende Dimension, da wird jegliches "Bomb, Bomb the Iran" zur Aufforderung an Israel, nun endlich das selbst zu besorgen, was einem Hitler nicht gelang. Genau so verstehe ich Alan Posener in seiner kurzen und dennoch sehr zutreffenden Würdigung dieser antideutschen Sekte, wobei -und in Anbetracht der von Hagee erkannten Gottesstrafen- sind die pink-gewaschenen, israelischen Neubürger wie @Knüppel&Co. sogar noch mutiger, konsequenter zu verstehen; als der hierzulande im Trockenen sitzende, oft anonym über die Bande johlende Antideutsche Mob.