13 Jul 2013

Bein(h)art - Das Buch!

Submitted by ebertus

Den Karikaturenstreit außen vor gelassen, Peter Beinart gelesen und zitiert, so wird aus zwei wesentlichen Gründen sehr verständlich, warum der oft bedingungslose, der zur Staatsräson ausgerufene Israelsupport hierzulande und bis hin zu weitgehend schweigenden jüdischen "Offiziellen" den Beinart-Text scheuen wie der bekannte Teufel das noch bekanntere Weihwasser.

"Wie gut, dass Peter Beinart kein deutscher Autor ist..." beginnt Heiko Flottau seine SZ-Rezension. Das andernfalls darüber und gerade hierzulande generierte Diffamierungspotential ist nicht unbekannt, der Vorwurf des "Antisemit!" als ein erheischtes Herrschaftsinstrument spätestens nach Moshe Zuckermanns gleichnamigen Buch beinahe Allgemeingut im kontroversen Diskurs. Weil Beinart jedoch amerikanischer Jude und außerdem nicht einmal in irgendwie zu konstruierender deutscher Nähe anzusiedeln ist, so musste nun eine in diesem Kontext nicht unbedingt sensibel genug erscheinende Bebilderung der Rezension herhalten, wird der Autor dagegen weitgehend totgeschwiegen. Das ist hierzulande bei amerikanischen, israelkritischen Juden durchaus nicht immer so, wenn man beispielsweise an die Adorno-Preisträgerin Judith Butler denkt. Da ging es sehr rauhbeinig, sehr persönlich und mit einer in diesem Zusammenhang bekannten Vulgärakrobatik zur Sache. Vom Konvertiten Stephan Kramer bis zu der (doppelt pikant) gar auf dem Freitag eine Bühne findenden EX-IM Anetta Kahane spannte sich die entrüstet dargebotene Kritik. Wobei der inhaltliche Anlass für die Preisverleihung, also Butlers Reflektionen zu Adorno -wohl mangels Kompetenz der Kritiker- vollkommen aussen vor gelassen wurde. Zumindest was den zweiten, weiter unten abgehandelten Grund für das inhaltliche Ignorieren von Peter Beinart betrifft, liegt hier eine gewisse Parallele zu Judith Butler vor.

Der erste Grund für das weitgehende Ignorieren beinhaltet, dass Beinart dieses Israel nach 1967 und jenseits jedem Völkerrecht auf den Weg in einen Apatheidstaat (wahlweise mit Bürgerkrieg) sieht. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch seinen Text, wurde auch hier in verschiedenen Blogs und Kommentaren schon mal die eine odere andere Stelle erwähnt bzw. zitiert. Darüber hinaus werden über weite Strecken des Buches die nahostspezifischen Interna der Obama-Administration (neben dem Präsidenten selbst) sowie die gegen jegliche Fortschritte in Sachen Zweistaatenlösung gerichteten Intrigen und subtilen Erpressungsversuche der jeweiligen Israelischen Regierungen thematisiert. Aber dass Beinart den Boykott von Waren aus den besetzten Gebieten eindeutig befürwortet, das dürfte mit Sicherheit als Blasphemie qualifiziert werden - zumindest bei den interessierten Kreisen hierzulande:

We should lobby the U.S. government to exempt settler goods from its free trade deal with Israel. We should push to end IRS policies that allow Americans to make tax-deductible gifts to charities that fund settlements. We should urge the U.S. government to require Israel to separately mark products from the settlements, as the European Union now demands. Then we should stop buying those products and stop investing in the companies that produce them. Every time Avigdor Lieberman or any other prominent public figure from nondemocratic Israel comes to the United States, he should be met with pickets. Everytime any American newspaper calls Israel a democracy, we should urge that it include the caveat: only within the green line.

Starker Tobac in dieser Konsequenz. Allerdings benötigt Beinart dann mehrere Buchseiten, bemüht er ein umfangreiches auch religiös durchwebtes  Instrumentarium zum Gründungsmythos von Israel um seine schon etwas bemühte Differenzierung zwischen einem "guten" (weil die besetzten Gebiete betreffend) und einem schlechten (weil das Kernland nicht außen vor lassend) Boykott zu erläutern. Diesem Spagat ist er sich durchaus bewußt, wenn er schreibt:

Left-Wing critics will argue that this distinction between democratic and nondemocratic Israel is artificial. After all, the settlements are not a rogue operation. From the beginning, they have been a project of the Israeli state.

Zitiert nach den Seiten 192/193 der englischen Originalausgabe, dem letzten Kapitel namens "Conclusion". Aber hier und mehr noch im Kapitel "The Future" kommt Beinarts jüdische, den Staat Israel in seiner Gründung, die Gründungsdeklaration zitierende und interpretierende, eine ohne jeden Zweifel die Staatsgründung akzeptierende Grundhaltung zum Tragen. Beinart trennt konsequent -aber keinesfalls im Sinne orthodoxer Strömungen- zwischen dem Judentum, gerade dem der großen, jüngeren Diaspora in den USA (der er sich verbunden, zugehörig fühlt) und dem, was an nichtdemokratischen Entwicklungen dort in Israel seit 1967 stattfindet, von den Berufsoffiziellen in den USA dagegen in immer skurrileren, reaktionären Wendungen zelebriert, sprich: entschuldigt und relativiert wird. Ein evangelikaler islamophober Rechter wie John Hagee und dessen Unterstützung durch AIPAC sowie durch führende jüdische Vertreter wie beispielsweise Malcolm Hoenlein wird von Beinart ausdrücklich erwähnt.

Beinart, so scheint es, ist von der für Israel gefährlichen Wirkmächtigkeit einer globalen und dennoch dezentralen Kampagne wie BDS überzeugt. Er nennt den partiell zutreffenden Vergleich mit den Verhältnissen südafrikanischer Apartheid sowie den nicht zu unterschätzenden moralischen Aspekt, was die internationale Gemeinschaft, die daraus resultierende zunehmende Isolierung von Israel betrifft. Den von einer Israel wohlmeinenden Seite immer mal gegeben Ratschlag, Israel müsse in Anbetracht des vielfach negativen Medienechos mehr für seine Außendarstellung tun kontert Beinart mit einem schlichten Satz:

The Israeli government and its American ,Iewísh allies are devoting enormous energy to stopping the BDS movement and improving Israel's public image, but those efforts will likely fail because Israel doesn't have a public relations problem; it has a moral problem.You can't sell occupation in a postcolonial age.

Israel scheint in dem Zusammenhang aus der Zeit gefallen, ein- bis zweihundert Jahre zurück, als imperiales und koloniales "Nationbuilding" unter großen Opfern und vielfachem Leid Stand der historischen Entwicklung waren. Gerade Nationen und Gemeinschaften, die Opfer (oder auch Täter) im Rahmen der Kolonialisierung waren sind heute besonders israelkritisch positioniert, sehen in der Besetzung genau diese eigene, mahnende Historie, so Beinart.

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Der zweite und noch wesentlichere Grund für das inhaltliche Ignorieren von Peter Beinart hierzulande liegt in dem von Autor vertretenen liberalen und dennoch konsequent vermittelten, nicht-orthodoxen Judentum der Jetztzeit. Das macht Beinart schon in den USA nur schwer angreifbar und dürfte hierzulande, bei dem von einem oft schon beinahe sektenhaft anmutenden Atheismus geprägten Israelsupport eher vollkommen unverständlich bleiben.  Wo dann eine Fraktion der sog. Antideutschen im Rahmen der Beschneidungsdebatte beinahe flehendlich vom sog. "nichtjüdischen Juden" fabuliert, damit faktisch der Negation von jüdischer Religion und Kultur das Wort geredet wird. Und wo einem bekannten, eher sehr konsevativen amerikanischen Juden (weil auch noch Beschneidungsbefürworter) mal freundschaftlich erklärt wird, wie Antisemitismus "richtig" (anti)deutsch zu verstehen ist.

Für Beinart dagegen steht das Judentum dessen Bewahrung gerade in der Diaspora von Nordamerika und in einem liberalen, weltoffenen Sinne an erster Stelle seines Denkens. In dem bereits erwähnten Kapitel "The Future" widmet er sich in einer, unserer mitteleuropäisch-aufgeklärten und gesellschaftspolitisch nicht unbedingt kompatibel erscheinenden Sichtweise der religiösen Formung und beinahe Abschottung. Religiöse -in dem Falle also jüdische- Vollzeitschulen und andere weiterführende Bildungseinrichtungen stehen im Zentrum seiner Überlegungen, ja beinahe Forderungen. Indirekt und dennoch sehr real sollen darüber die seiner Meinung nach das Judentum gerade in der (amerikanischen) Diaspora bedrohenden Mischehen verhindert werden. Von Beinart zitierte Untersuchungen belegen, dass der Nachwuchs aus Verbindungen von jüdischen und nichtjüdischen PartnerInnen nur selten in ein faktisches oder auch nur formales jüdisches Leben eintritt. Über diese Sichtweise darf man durchaus geteilter Meinung sein. Das ist beinahe die spiegelverkehrte, negativ konnotierte Diskussion bezüglich der Abschottung, welche man hierzulande gern den muslimischen Gemeinschaften vorwirft, es bei den verschiedenen christlichen Ausprägungen wohl nicht (mehr) diese Relevanz hat.


Vielleicht hilft das Vorgenannte ein Stück weit diese Ambivalenz zu verstehen, der Beinart gerade in den USA unterworfen ist. Ihn wegen einem wie auch immer gemeinten, falsch verstandenen Judentum anzugreifen, das ist kaum möglich, erst recht nicht bei den Orthodoxen, welche ja genau diese Trennung, diese Abschottung faktisch leben. Wobei den orthodoxen Strömungen in den USA nach Beinarts Verständnis der demokratische Charakter eines Staates Israel eher gleichgültig ist. Die jüngeren amerikanischen Juden und soweit liberal orientiert, sie sorgen sich Beinart zufolge dagegen oft nicht genug, nicht so wie es nötig wäre um ein demokratisches Israel in den völkerrechtlich anerkannten Grenzen und im Sinne der Gründungsdeklaration des Staates. Es ist für diese jungen Juden einfach kein relevantes Thema (mehr), über andere Menschenrechtsverletzungen dieser Welt hinaus ragend, so formuliert es der Autor.

Das stimmt in dieser Absolutheit natürlich nicht. Beinart selbst nennt J-Street als eine moderne, von jüngeren US-Juden betriebene Kampagne, welche sich in einer durchaus regierungskritischen jüdischen Perspektive um Israel sorgt. Und wer den jüdisch-amerikanischen Blog namens Mondoweiss immer mal verfolgt, der stellt schon ein erhebliches Engagement fest; allerdings in der benennenden Konsequenz noch über das hinausgehend, was Beinart selbst kritisiert. Aktuell und näher an Beinart, dessen Buch ja bereits Anfang 2012 in den USA erschien, ist der vom Autor verantwortete Autorenblog namens OpenZion.

Den immer wieder gern von Israel erhobenen Alleinvertretungsanspruch, für alle Juden dieser Erde sprechen zu wollen, den darf man also gern auch unter diesem Lichte verstehen; ein wenig als Ironie vielleicht, wenn Beinart auf die nun wohl komplette Einwanderung aus der ehemaligen SU nach Israel hinweist. Mehr kommt kaum, die amerikanischen Juden eh' nicht...

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Wer die zugrundeliegende SZ-Rezension nicht kennt oder nur mit der entrüstet thematisierten Karrikatur vorlieb nehmen musste, der darf hier lesen; ggf. die Zoomfunktion des Browsers verwenden.

 

Beißhemmung at it's best

Nun gibt es doch einen ersten, ansatzweise inhaltlichen Kommentar aus den Kreisen der "Best Friends" zu dem Buch von Peter Beinart. Kevin Zdiara, wohl im Dunstkreis der Gutachser, dessen pseudowissenschaftlichem Arm (nach Moshe Zuckermann) anzusiedeln, versucht sich bei JungleWorld mit den üblichen, erkennbar würgend dargebotenen Textbausteinen an dem Buch des amerikanischen Journalisten, dieser Identifikationsfigur der amerikanischen Linken.

Sprich: Zdiara versucht sich an Beinart, der offensichtlich mit einem theoretischen Mangel geschlagen ist und dann als verwirrter, phantasierender, nicht durchblickender  Verschwörungstheoretiker gnadenlos entlarvt wird. Gegenüber so manchem Delinquenten antideutscher Inquisition hierzulande kommt Beinart dennoch relativ gut weg. Weder wird er direkt als Antisemit noch als Judenhasser, nicht als Alibijude oder gar "selbsthassend" qualifiziert und Beinarts aktiv vertretene jüdische Identität in der Diaspora fällt gleich vollkommen unter den Tisch dieses Rezensionsversuches.

Kein Wunder,  bewegen sich die Reflexe von Kevin Zdiara doch sehr eindeutig im Kontext antideutscher Befindlichkeit, wo "Jüdisches" in der Regel als ein zur Diffamierung geeigneter historischer Gruselfaktor herhalten muß, man in diesen Kreisen mit jüdischer Religion, jüdischer Kultur, Philosophie und anderem Gedöns eh' nichts am diskursiven Hut hat und wo gelebte, reflektierte Diaspora als wesentlicher Bestandteil weltweiten jüdischen Lebens grundsätzlich negiert wird.

Dennoch, der Link zu JungleWorld

 

Was schon

(oder allmählich) bei Brumlik anklingt, bei Butler oder auch Raz-Krakotzkin sehr deutlich ist: der unterschied resultiert daraus, wie die nation begriffen wird. nämlich als eine schon immer diasporische oder aber als eine schon immer territorial existente/verfaßte, die immer wieder in ihrer fortlaufenden geschichte als nation vertrieben wurde und das ihr eigene territorium immer wieder zurückerobert. ganz deutlich vertritt diese position Hazony, so mein eindruck von den ersten 50 seiten von "the Philosophy of Hebrew Scripture". so wie er mit dem tanach als schrift umgeht, konnte dieser nur entstehen, weil Israel/die juden eine nation mit einem zugehörigen territorium war, dessen geschichte mitsamt politischer theologie=philosophie im tanach zusammengestellt/festgehalten wurde.
wenn du dann noch bei
http://www.amazon.com/Dawn-Political-Teachings-Book-Esther/dp/9657052068... reinguckst, dann wirst du feststellen, dass er das buch Esther als politische handlungsanweisung zur rückeroberung der nationalen souveränität in einer immer schon antisemitischen umwelt deutet. - was man natürlich tun kann. man darf sich nur da, wo es praktisch-politisch wird, nicht wundern, wenn die goi'im was dagegen haben, als bürger 2.klasse behandelt und von der verfügung über den boden als produktionsmittel ausgeschlossen zu werden. was übrigens nicht mal im alten Israel so war - da gab es zwar erbschaftsregeln, welche sicherstellen sollten, dass das land in der familie bleibt, aber verkaufen durften die alten jüdinnen ihr land an nicht-jüdinnen durchaus.
Beinart ist noch unentschieden, weil er für das sog. kernland an genau diese geschichte, nämlich das israelische bodenrecht, nicht ran will. das hat er übrigens mit Strenger gemeinsam: der will sich auch nicht mit der nakba und deren folgen in Israel auseinandersetzen (wie du in seinem blog lesen kannst - oder ich dir als word-doc schicken kann)