11 Aug 2012

Anonymität im Netz - IPs etc.

Submitted by ebertus

In einem vorangegangenen Blog, einer kleinen Einführung zum Thema mag meine Philosophie der eher passiv verstandenen Sicherheit ein Stück weit erkennbar geworden sein. Hier nun, und beinahe jede Blauäugigkeit beiseite gelegt, soll es nun doch etwas aggressiver weiter gehen, zum Kern aller Überwachungsmöglichkeiten, aller Angriffsszenarien vorgestoßen werden.

Ohne tiefer in die technische Begrifflichkeit der sog. IP-Nummer bzw. Adresse eingehen zu wollen, sind dahingehend dennoch einige Vorbemerkungen nötig, ist dieser Begriff der IP (steht für Internet-Protokoll) immer wieder in aller Munde, gerade was die straf- und zivilrechtliche Seite von möglicherweise (hierzulande) nicht zulässiger Nutzung des Internet betrifft. Alle Internetserviceprovider (ISP) und hierzulande beispielsweise die Telekom, 1&1, UnityMedia etc. nutzen einen weltweit gültigen Vorrat an diesen Nummern (z.Z. zwölfstellig) und verteilen einzelne Nummern an ihre Kunden, wenn diese sich mit dem Internet verbinden. In der Regel -es gibt Ausnahmen- ist diese Nummer bezogen auf einen bestimmten Kunden (Anschlußinhaber) einem regelmäßigen, gar täglichen Wechsel unterworfen, also immer nur einen bestimmten Zeitraum für genau diesen Kunden gültig. Der ISP führt Buch (Logging), wem aus seinem Kundenkreis welche Nummer für einen genau definierten Zeitraum zugeteilt wurde. Darüber hinaus ist über den global gültigen Nummernvorrat zu ermitteln, welcher ISP in welchem Land (oder gar Region, Stadt etc.) diese Nummern verteilt.

Aus Letztgenanntem ermittelt beispielsweise Youtube, ob ein bestimmter Inhalt in einem Land, einer bestimmten Gegend dieser Welt gezeigt wird; gezeigt werden darf. Aus Erstgenanntem dagegen ist der in der Regel haftende Anschlußinhaber zu ermitteln, wenn möglicherweise rechtswidrige Handlungen von diesem Anschluß aus begangen wurden. Wie lange ein ISP diese Daten speichern muss, ob bzw. unter welchen Bedingungen er sie (an wen) herausgeben muss, dass war und ist immer wieder Gegenstand von entsprechenden Auseinandersetzungen. Auf der quasi Metaebene und jenseits von rechtlicher Relevanz ist jedoch noch ein anderer Fakt von Bedeutung. Und dieser bezieht sich darauf, welche Daten besuchte Webseiten über ihre Besucher erfassen, speichern und auswerten können. Wer nun adhoc wissen möchte, wie seine aktuelle IP-Adresse lautet, der klicke mal auf diesen Link. Des Englischen halbwegs mächtig so wären dort noch wesentlich mehr und vertiefende Informationen genau zu diesem Thema hier nachzulesen.

In Verbindung mit dem primären Merkmal der genannten IP-Adresse können Webseiten von ihren Besuchern noch wesentlich mehr erfahren; je nach Intention mit mehr oder weniger umfangreichen Zusammenführungen, Abgleichen und dem zusätzlichen Einsatz von sog. Cookies. Das sind kleine Informationshappen (Dateien) welche via dem verwendeten Browser auf dem PC des Besuchers abgelegt werden. Dafür mag es je nach Kontext sogar berechtigte und gute Gründe geben, beispielsweise beim Shopping oder Online-Banking. Dennoch ist es wichtig, den eigenen Browser so einzustellen (das geht in der Regel), dass diese Cookies nach jeder Sitzung, d.h. wenn der Browser geschlossen wird dann auch gelöscht werden. Besuchte Webseiten könnten ansonsten darüber auch nach längeren Zeiträumen entsprechende Bewegungsprofile erstellen bzw. aktualisieren, im einfachsten Falle zielgerichtete Werbung platzieren. Ok, für letzteres ist ein guter Werbeblocker wie Adblock-Plus (für Firefox) beinahe unverzichtbar.

Aus aktuellem Anlass sei auf diesen Artikel bei Telepolis hingewiesen. Dieser thematisiert mit Bezug auf den Rechtsanwalt Udo Vetter eine kürzliche Entscheidung des BGH, welche faktisch eine mögliche Kriminalisierung der Allgemeinheit darstellt. Jegliches "Verhalten" im Netz mit gültiger, rückverfolgbarer IP kann somit kriminalisiert werden, (technische) Fehler oder sonstiges Verhalten eingeschlossen. Der böse Downloader via dem kriminalisierten Schulhof ist da nur der Hebel, das Einfallstor für jedwede Zumutung und Gängelung durch wirtschaftlich Stärkere. 

Kann man in Bezug auf einen Anschlussinhaber von einer offensichtlichen Rechtsverletzung sprechen, obwohl bei statistischer Betrachtung feststeht, dass im Durchschnitt nur etwa jeder zweite Anschlussinhaber gleichzeitig der Verletzer ist? Oder ist eine Inanspruchnahme des Anschlussinhabers nur dann verhältnismäßig, wenn offensichtlich ist, dass er selbst die Rechtsverletzung begangen hat. Diese Fragen, die durchaus von verfassungsrechtlicher Dimension sind, stellt und beantwortet der BGH nicht.

fragt bzw. schreibt Thomas Stadler auf seinem Blog. Aber die Karawane zieht dann wohl weiter. Die einen werden zunehmend und in der Regel unfreiwillig die Abmahnindustrie füttern, die anderen sich (gegen Bezahlung) mit den entsprechenden Techniken schützen - soweit diese (Techniken) nicht irgendwann ebenfalls kriminalisiert werden.

Ein weiterer, hier vorerst letzter Gedanke, jenseits der Contentindustrie und via anderweitiger Diskussionen drauf gestoßen: Wenn es also mittlerweile so einfach ist, vom ISP den Namen und die Anschrift zu einer IP-Adresse zu bekommen, so könnten sich noch ganz andere Spezies des menschlichen Seins aufgerufen fühlen, diese Möglichkeit zu nutzen. Einfach mal 'ne Urheberrechtsverletzung behauptet, soweit nötig mit gefakten Details unterfüttert und schon gibt's die Daten - wo es möglicherweise und ganz andere Delikte bzw. Belange geht. Falls der Delinquent dann renitent wird, so gibt es vom Anfrager bzw. dessen Anwalt ein freundliches, ein bedauerndes sorry, sorry, war doch nur ein Irrtum; aber die benötigten Daten hat man ja dann schon mal.


Im nächsten Blog zur Thematik geht es um ein entsprechendes Tool.

 

Nachtrag 21.08.2012:

Köstlich, gar "Pfarrämter, Polizeistationen und sogar Botschaften arabischer Länder" sind vor der Identifizierung über die genannte IP-Adresse nicht sicher, sollten darüber hinaus und als Volksbelustigung, via einem modernen und dennoch mittelalterlichen Pranger nun das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Dieser SZ-Artikel illustriert, was da an Gaudi noch auf das geneigte Publikum zukommen wird. Wohl dem, der auch nach dem Genuss des "Mutti-Report" nicht über Gebühr erpressbar ist...