30 Mai 2012

Burg, Brumlik, Beinart - ein Zwischenruf

Submitted by ebertus

Weniger wäre mehr, gern zugestanden. Nur wird dieser Blog hier nicht betrieben um am eigenen Wissen bzw. Wesen die Welt genesen zu lassen, wird jedweder sog. Qualitätsjournalismus eher nicht angestrebt. Mehrere Bücher gleichzeitig und in einem jeweilig passenden Umfeld zu lesen mag unorthodox erscheinen, sind Synergieeffekte ebenso möglich wie das "sich verlieren" in jeweiligen Details. Daher hier also dieser Zwischenruf, quasi eine Wasserstandsmeldung.

Hitler besiegen von Avraham Burg ist hier im Blog und nicht zuletzt meinem Verständnis geschuldet auf zwei Teile hin angelegt, von denen der erste bereits veröffentlich wurde. Der zweite Teil als religionsphilosophischer Kontext harrt der weiteren Bearbeitung und die von Burg gewählte, negativ konnotierte biblische Figur des Korach, die Kontroverse zwischen Korach und Moses scheint mir dafür ein guter und nicht zuletzt aktueller Einstieg.

Die Nazis hatten wie Korach eine garantierte Heiligkeit für sich in Anspruch genommen. Beide waren überzeugt, dass ein Volk ohne moralisches Urteil auserwählt und zur Herrenrasse geboren sein kann. Die Annahme einer verantwortungsfreien angeborenen Überlegenheit entspricht vermutlich schon seit Anbeginn der Zivilisation einem Bedürfnis von Individuen, Gemeinschaften, ethnischen Gruppen und Nationen.

Ein "passiver Rassismus", dem es an Selbstkritik und Eigenverantwortung fehlt, wie Burg erklärend ausführt, um dann zu konstatieren, dass die Söhne Korachs nach wie vor den jüdischen und den israelischen Identitätsmechanismus beherrschen, in einem Staat, der von "Korachs modernen Priestern gelenkt wird. Die Passagen von Burg über das Weiterleben, das neu Erstarken eines extrem-fundamentalistischen, eines (ultra)orthodoxen Judentums -beispielhaft erläutert anhand früherer Vordenker und aktueller Protagonisten- erzeugen ein Frösteln beim Leser; ein Stück weit zumindest. So sind dahingehende "Vorfälle" zunehmend Gegenstand der verbliebenen liberalen Medien (haaretz etc.), auch und gerade in Israel.

Was bei Avraham Burg an diskursiver Durchdringung fehlt, das scheint mir die grundsätzliche Frage nach dem Sinn bzw. der Berechtigung eines Staates für die Juden, so wie dies von Rabbi Dovid Weiss, dem Vertreter einer ebenfalls ultraorthodoxen Strömung und gerade in den USA diskutiert, genauer: "bestritten" wird. Gerade weil dieser Rabbi die Ablehnung des real existierenden Zionismus ebenfalls aus religiösen Kontexten her ableitet, so sei dies der Vollständigkeit halber hier erwähnt, ohne mich mit dieser Denkweise gemein machen zu wollen.

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Deutscher Geist und Judenhass von Micha Brumlik ist bislang zu den Philosophen Kant, Fichte und Schleiermacher gelesen und kann durchaus die genannten Synergieeffekte erzeugen. Der etwas sperrige Untertitel: "Das Verhältnis des philosophischen Idealismus zum Judentum" trifft es wohl besser als der etwas plakative Primärtitel, musste ich doch nach dem Part zu Kant die Einleitung von Brumlik ein zweites Mal lesen:

Es geht nicht -wie in den Untersuchungen von Hans Liebeschütz, Edmund Silberner und Daniel Goldhagen- um den sattsam erbrachten Nachweis, dass sich im Werk dieser Autoren judenfeindliche Äußerungen finden, sondern um die Frage, welche Funktion, welches Gewicht und welche Bedeutung diese Äußerungen im Kontext des Gesamtwerks der Philosophen und damit in der gesamten "Deutscher Idealismus" genannten Denkbewegung haben[...]

Jeder Text , und damit auch die Texte der hier behandelten Autoren wird vor allem von drei Aspekten geprägt: der Zeit, in der er verfaßt wurde, das heißt der sozioökonomischen Situation mit ihren Einschränkungen und Chancen, der idiosynkratisch-biographischen Erfahrung, die der autor während seines Sozialisationsschicksals macht, und der Stringenz und Wahrheit der Argumentation, die der Autor wiederum innerhalb einer vorgefundenen und weiterentwickelten Semantik entfaltet. Ob, wie und schließlich warum die Philosophen Juden und das Judentum so und nicht anders sahen, läßt sich demnach nur beantworten, wenn historische und gesellschaftliche Fakten mit lebensgeschichtlichen Daten und systematischer Argumentation konfrontiert werden.

und versuchen zu verstehen, was bei Immanuel Kant kaum erkennbar war, bei Johann Gottlieb Fichte geringfügig mehr und (mir, sorry) erst bei Friedrich Schleiermacher ein Stück weit wirklich deutlich wurde. Bei letztgenanntem nicht zuletzt um den Preis, dass sich der im Titel plakativ hervorgehobene "Judenhass" total verflüchtigte, mir diese Art der Diskussion eher einen positive Eindruck von sich gegenseitig akzeptierender Religionsphilosophie gab, eingebettet in die oben genannten drei Aspekte einer notwendigerweise differenzierenden Betrachtung.

Noch krasser sind die einführenden (ersten zwei) Seiten, zum Abschnitt über Fichte, wo Brumlik mit Formulierungen wie "in der Vorläufertradition drastischer Lösungen und rassistischer Theorien" hantiert, dem Erkennen von Fichtes Haltung, die "dem vom jungen Adolf Hitler geforderten Antisemitismus der Vernunft sehr nahe kommt" oder er findet "jene Passagen, die Fichtes Antisemitismus belegen und am Beginn des deutschen Vernichtungs- und Entmenschlichungsantisemitismus stehen".

Brumlik bleibt nach meinem Verständnis dann im Detail äußerst diffus, kann das Angekündigte nicht wirklich einlösen und lehnt sich bildlich gesprochen wohl durchaus etwas weit aus dem Fenster; wie nicht zuletzt die Rezensionen, hier verlinkt via dem Perlentaucher zeigen.

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The Crisis of Zionism von Peter Beinart dagegen ist ein eher politisch zu lesendes und zu verstehendes Werk von hoher und wohl noch zunehmender Aktualität. Beinart, ein bekennender Zionist, ein orthodoxer Jude und (ja!) Befürworter eines Boykotts israelischer Waren aus den besetzten Gebieten beschreibt auf einer streckenweise emotionalen Ebene seine Befürchtungen, seine Desillisionierung was das aktuelle Handeln des Staates Israel und seiner Regierung betrifft. Bislang noch nicht in deutscher Sprache verfügbar, so scheint mir die Thematik derart aktuell, dass zügiges Lesen, das Verstehen der Problematik jenseits (anti)deutscher geistiger Enge unbedingt angesagt ist. Zwei auch von den aktuell und perspektivisch erwartbaren, den jeweiligen Bevölkerungszahlen und Dichten mögliche und durchaus apokalyptische Szenarien werden von Beinart thematisiert:

Make Israel, the West Bank an the Gaza Strip one country and you will resurrect the Jewish-Arab conflict of the 1930s, when Palestine was under British control. Except this time the British won't be there to play referee. The result won't be liberal democracy; it will be civil war.

If, on the other hand, Israel occupies the West Bank in perpetuity without granting citizenship to its Palestinian inhabitants, it will remain a Jewish state, but become an apartheid one.

Und während hierzulande Begriffe wie "Boykott" oder "Apartheid" in Zusammenhang mit Israel beinahe auf dem Index stehen, selbst bei differenzierten Aussagen die Verfasser schon mal an die virtuelle Wand gestellt werden, so findet im israelisch-amerikanischen Dialog eine entsprechende Diskussion auf intellektueller Ebene statt; und dies absolut seriös, ohne geifernde Diskreditierung, gar Diffamierung der "entlarvten" Delinquenten. Via dem bekannten israelischen Autor Carlo Strenger, aber auch über die seriöse Internet-Publikation 972mag mögen hier erste Eindrücke sichtbar werden, wurde mein Interesse geweckt

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In Konsequenz schließt sich der Kreis von Peter Beinart wieder hin zu Avraham Burg. In beider Kritik an der aktuellen israelischen Politik, sind dahingehend ebenfalls gewisse Synergieeffekte zu erwarten, zumindest zu erhoffen, auch wenn beide Autoren wohl vollkommen unterschiedliche Ansätze zur Konfliktlösung repräsentieren, das Buch von Beinart erst noch in Gänze gelesen werden muss. Insofern steht mein eigenes Einlassen via entsprechender Blogtexte durchaus noch zur Diskussion; in gewisser Weise zumindest.

Vielleicht noch abschließend ein Wort zu Micha Brumlik, der keinesfalls als selbst ernannter Antisemitenjäger oder jenseitiger Religionsphilosoph verstanden werden darf. Brumlik äußert sich aktuell immer wieder und sehr differenziert zum Thema Antisemitismus, gerade was die deutsche "Spielart", die genannte geistige Enge betrifft. Seine absolut inhaltliche Verteidigung des Antisemitismusforschers Wolfgang Benz mag dahingehend und beispielhaft genannt werden. Ebenso wie Benz kam daraufhin auch Brumlik unter das Feuer des bekannten Mannes fürs Grobe, der "guten Achsen", derer intellektuellen Mentoren, der antideutschen und in der Regel anonym agierenden Klärgruben, sprich Blogs - und keinesfalls inhaltlich sondern primär "ad hominem", auf der persönlich diskreditierenden Ebene, wie es in den genannten Kreisen nun mal das Diskursniveau bestimmt.

 

paßt?

Diese Replik passt auch hier!

Danke für diesen Link, den bereits einige Jahre alten Text von A. B.Jehoshua im Tagesspiegel. Der Autor war mir bislang lediglich über Carlo Strenger, dessen Auseinandersetzung zum “complete jew” vs. “partial jew” bekannt, hier anderweitig erwähnt.

Der (möglicherweise notwendige) Abschied vom Mythos ist wohl das, was die sog. “secular liberals” dort in Israel, aber auch in den USA umtreibt, was die intellektuelle Reflektion und mögliche Wege aus diesem quasi Dilemma betrifft. Jehoshuas abschließende vier Thesen mit dem finalen Hinweis, sich am europäischen Modell der Identität zu orientieren zeigen diese, zu der Zeit wohl noch ausschließlich positive Sicht auf gelebte Globalisierung ala EU.

Nur ist die Entwicklung in den zurückliegenden Jahren eher nicht in die von Jehoshua erhoffte Richtung gegangen. Europa fällt zunehmend zurück in einen (auch schon mal dumpfen) Nationalismus, in Israel gewinnen die religiös-nationalen Strömungen zunehmend an Einfluß und gerade bei den sog. “partial jews” in den USA und von der Zahl der Juden in der Diaspora absolut relevant sind diese Kämpfe (Peter Beinart) ein bestimmendes Thema, gerade was die intellektuelle Auseinandersetzung dort betrifft.

Wenn also hierzulande und von pseudolinken, antideutsch-konservativen Strömung ein Newt Gingrich beinahe abgefeiert wird, so ist das ja genau dieser Schulterschluß mit den religiös-nationalen, konservativen Kräften dort in den USA. Das meint Jehoshua wohl nicht, mit seiner Hoffnung nach dem leichteren Eingliedern der jüdischen Mythen bei schwächer werdenden, nationalen Identitäten. Das Gegenteil ist aktuell der Fall.

Extreme Position

Soweit wie der Dovid Weiss sollte ein Deutscher keinesfalls gehen!
Oder was wolltest Du mit dem Hinweis und dem Link sagen?

mfg Günther

versteh ich nicht!

es soll auch deutsche juden geben, welche ...
sind die keine deutschen? oder keine juden?

im übrigen fällt mir immer wieder auf: Ahad Ha'am wird vernachlässigt. was völlig unverständlich ist. schließlich ist der in bibliotheken nicht nur in feinstem hebräisch sondern auch in feinstem deutsch zu lesen.

Deutsche Juden etc.

Möglicherweise nicht angesprochen, antworte ich einfach mal und erinnere an den Mailkontakt mit Mathias Küntzel, der auf meine Nachfrage hin "die Deutschen" in einem formalen Sinne, dem der Staatsbürgerschaft sehen wollte. Und darunter subsumieren sich mit Sicherheit auch viele Menschen jüdischen Glaubens; von einem eher "mittigen" Brumlik bis hin zu dem Mann fürs Grobe - oder eben auch den sog. selbsthassenden Juden. Staatsbürgerschaft (auch mehrfache) oder gar Nation trägt somit nicht wirklich weit, ist nicht mal mehr für Sippenhaft geeignet.

Insofern halte ich es eher mit Avraham Burg, wollte Weltenbürger sein, mich weder über eine formale Staatsbürgerschaft noch über eine räumlich begrenzte "Blut und Boden" Ideologie vereinnahmen lassen. Dann schon eher über die Kulter in weitestem Sinne und daher einen Dank für den Hinweis auf Ahad Ha'am, ebenfalls eine Facette zionistischer Historie; nun meinerseits mit Interesse weitergehend zu recherchieren.

Und darüber hinaus oder auch sehr grundsätzlich die eigene Intention in den Vordergrund stellend nochmals mit Avraham Burg, dem Klappentext aus "Hitler besiegen" gesprochen:

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In diesem Buch geht es nicht um Geschichte. Ich bin kein Interpret der Vergangenheit, sondern lediglich Konsument der Nachrichten, die sie produziert. Mit der Vergangenheit befasse ich mich nur, um die Gegenwart zu verstehen.[...] Dieses Buch habe ich voller Ehrfurcht und Respekt geschrieben. Sollte ich jemanden verletzen, entschuldige ich mich dafür. Sollte die Wahrheit schmerzen, dann leide auch ich darunter.

Keinesfalls ?

Hallo Günther,

ich kann nicht sehen, wo die aus biblischer Historie resultierende Sicht eines Rabbi Weiss "uns Deutsche" substantiell tangiert. Israel ist ein völkerrechtlich anerkannter Staat mit entsprechenden Rechten und Pflichten - und selbst das, was ein Peter Beinart schreibt ist aus deutscher Sicht nur wenig relevant. Wir sind nicht (mehr?) der Nabel der Welt; und das ist auch gut so...

Es ist ja gerade das Skurrile -bereits von der Bezeichnung her- dass die sog. Antideutschen und selbst ernannten, ziemlich besten Freunde Israels jegliche globale und perspektivisch aktuelle Sicht in ihrer rückwärts gewandten Ideologie ausblenden und eben "die Deutschen" als völkisches Subjekt neu aufblasen, mit dem (nochmals) drohenden Holocaust "next door" kokettieren.

Nur, die Realität der globalen Welt geht (glücklicherweise) anders...

Diskurs beim Freitag

Nicht zuletzt unter meiner Beteiligung gab es kürzlich eine Diskussion beim Freitag, die sich geradezu anbot, Passagen der hier eingestellten Texte -gerade was Avraham Burg und Peter Beinart betrifft- dort zu verwenden.