18 Jan 2012

Out of Rosenheim

Submitted by ebertus

... und wird alles gut, man lernt voneinander, aus dem Chaos erwächst Neues! Oder nach gut drei Jahren lediglich des Ende eines interessant daher kommenden Experiments? Der Freitag wird nun auch "Online" kostenpflichtig und in die Community, deren aktive Teilnahme darf man sich zukünftig wohl einkaufen.

Jakob Augstein: Less Music, More Talk...

"An meinen Plänen hat sich nichts geändert: Wir werden über kurz oder lang die kostenlose Bereitstellung des Freitag erst einschränken und dann beenden und wir wollen die User an der Planung und Erstellung der Seite teilnehmen lassen und dafür in verschiedenen Abstufungen Geld nehmen."

Warum nicht? Der Investor entscheidet, trägt das Risiko. Klassische Marktwirtschaft in diesem Falle, auch wenn das Herz der "Wir müssen reden/schreiben etc." MitmacherInnen schon mal zu brechen droht. Warum nicht? Als verbindendes Ost/West-Medium gestartet kann "small talk and music" doch nicht wirklich das Ende der Geschichte sein und trägt Augsteins Begeisterung für sein "Kind", sein Spielzeug, sein Hobby auch nicht ewig.

Die Verbindung von Print und Online scheint jedenfalls grandios gescheitert, wäre eine "irgendwie" geartete Professionalisierung der Community auch nicht wirklich wünschenswert, führte sie doch direkt in den Mainstream der Qualitätsmedien ala ZEIT-Community; was ja möglicherweise beim Freitag ebenfalls noch droht, kostenpflichtig droht. Nochmal Augstein:

"Überhaupt - nicht jeder Text ist gut. Es gibt einfach schlechte Texte. Die will man weder im Netz noch in der Zeitung. Aber man will sie noch weniger in der Zeitung. Ich will darauf hinaus, dass die Zeitung das strengere Medium ist."

[...]

"Ich gebe allerdings zu, dass ich manchmal Schwierigkeiten damit habe, wenn die Debatte in der Community vom Inhaltlichen ins Persönliche abweicht. Manchmal mag ich dann den Tonfall nicht, und halte mich darum fern. Oder mir gefällt das "Tratschen" nicht so sehr und ich beteilige mich darum nicht."

Dem wäre zuzustimmen, formal gesehen und die Intention eines doch wieder Top-Down agierenden Qualitätsmedium scheint da bei Augstein fest im Blick. Aber wo ist "das" dann irgendwie neu, kreativ oder gar als die immer wieder beschworene Verbindung von Online und Print zu verstehen. Das ist papierner Journalisnus 2.0 und lediglich die Technik muss besser, partizipativer werden. Aha:

"Wir haben die technische Herausforderung, eine solche partizipative Seite zu bauen, vollkommen unterschätzt.[...]Ich verspreche mir darum sehr viel vom kommenden Frühjahr, wenn wir unseren Relaunch umsetzen werden."

Ein wenig erinnert das an Flattr, dieses als Hoffnung, als Tiger gestartete Micro-Bezahlsystem. Als Bettvorleger gelandet wird dort im Wesentlichen umverteilt - zwischen den irgendwie Schreibenden. Ähnliches darf möglicherweise auch beim neuen Online-Freitag erwartet werden, man bleibt unter sich. Vielleicht, es könnte ja sein, sind die Nutzer in der Postmoderne und jenseits der industriellen Arbeitsgesellschaft schon weiter, heterogener und dennoch einig im bestenfalls Geben und Nehmen auf originärer Tauschbasis. Der Spruch vom "Guten Geld für gute Arbeit" hat sich überlebt, wird sehr begrenzt in elitärer Attitüde und Sphäre weiterleben, nicht mal auch nur halbwegs akzeptiert sein in einer zukünftigen Netz-Multitude. Gelebte, auch negativ geprägte Anarchie ist da wesentlich wahrscheinlicher als dieses saubere, hehre und qualitätshaltige Ideal - wenn die Mauern stürzen.