23 Feb 2012

Gedenken an Naziopfer; und jenseits der "Dönermorde"

Submitted by ebertus

Dem Text von Micha Brumlik in der heutigen taz ist aus meiner Sicht weitgehend zuzustimmen, auch wenn Brumliks immer mal kolportierte These vom "unbewußten Judenhass" der "uns" -wem genau? und warum?- innewohnt, eine These, die meinerseits gewisse Irritationen hervor ruft. Ein mit Sicherheit notwendiger Kontext, der wegen eigener Unvollkommenheit, mangels eines dahingehend notwendigen Erkenntnisstandes erst noch weiter aufgearbeitet werden müsste.

Nein, die in Deutschland lebenden Türken von heute sind nicht die Juden von gestern; und wo der Unterschied liegt, dies benennt Brumlik sehr deutlich,

Der Nationalsozialismus mit all seinen Verbrechen war ein politisches Projekt: ein Koalitionsregime von Bürgerlichen, schwachen Liberalen, opportunistischen Kirchen, revanchistischen Nationalen, ressentimentgeladenen Technokraten, fast allen Fraktionen des deutschen Kapitals sowie ein paar völkischen Spinnern.

ordnet die "völkischen Spinner" richtigerweise sehr weit hinten an, lässt ansonsten Raum für zumindest ansatzweise, gleichzeitig nachdenkenswert mahnende Vergleiche mit der Gegenwart. Ob die Örtlichkeit für die Gedenkfeier "angemessen" ist, darüber darf man gern geteilter Meinung sein, mag historische Gegebenheiten in die Beurteilungskriterien einschließen. Aktuell und über den Tag hinaus wegweisend ist möglicherweise der Schatten des voraussichtlich neuen Bundespräsidenten, der nun doch und als Privatperson an der Feier teilnehmen will. Vor Tische las man es anders; und "Von dem Vorschlag, für die Opfer der gerade bekanntgewordenen Mordserie von Neonazis einen Staatsakt zu veranstalten, halte ich nichts" wurde der Kandidat gemäß "Welt-Online", zitiert, darf man dies heute in der JW nachlesen. 

Und genau das, unter Umständen mit bitterem Beigeschmack ganz großkoalitionär Erwartbare, dieses eher negativ nach vorn Schauende bringt Brumlik in seinem letzten Absatz noch einmal deutlich auf den Punkt:

Nein, die Türken von heute sind nicht die Juden von gestern, aber vielleicht ähnelt ihre Lage doch den Juden von vorvorgestern. Das wäre durchaus ein Thema für einen neuen Bundespräsidenten, indes: Von Joachim Gauck ist diese Rede nicht zu erwarten - war er es doch, der dem in der Wolle gefärbten Rassisten Thilo Sarrazin respektvoll eine hohe moralische Tugend, nämlich "Mut", zugesprochen hat.

 

Micha Brumlik in der taz