4 Aug 2011

Das akademische Proletariat

Submitted by ebertus

Der Begriff vom akademischen Proletariat, so alt er möglicherweise sein wird,  drängte sich erstmals 2007, im sued-cafe, der damaligen Community der SZ  in das grelle Licht meiner gesteigerten Aufmerksamkeit Als halbwegs gut situierter Bildungsbürger, der sein Geld eher mathematisch-technisch verdiente, die Datenbanktheorien des EdgarF.Codd in SQL überführen konnte, Microsofts ActiveDirectory im Umfeld eines multinationalen Unternehmens pflegen durfte, so war meine Wenigkeit darüber hinaus bis 1998/99 Sympathisant bzw. Wähler der Grünen  und vielleicht unbewußt dieser verrohenden Mittelschicht gemäß der aktuellen Heitmeyer Studie potentiell nahe, sarrazinesken Gedanken und der Verortung von "Schuldigen" wohl ebenfalls.

Der goldene Käfig, vom Dienstwagen über den Laptop und das Handy, vom Einzelbüro bis zur halbwegs freien Zeiteinteilung, dem gewissen, damit einhergehenden Status sowieso, schlußendlich bis zu weiteren "Gimmicks" im Rahmen einer schlichten Domestizierung. Ja, dies erzeugt möglicherweise die Banalität des Mittigen, des Normalen des Funktionieres. Die Community der SZ, das akademische Proletariat dort, die neu (wieder) entdeckte Neigung für kulturwissenschaftliche und damit eher brotlose Künste und wenigstens partiell jenseits eines Laufes im Hamsterrad des Konsum, all das sorgte dann für ein langsames Umdenken.

Und das war wohl auch gut so...

Ein Telepolis-Beitrag von gestern mag einerseits exemplarisch sich darstellen, andererseits dennoch lediglich eine Facette des Vorgenannten widerspiegeln; ist darüber hinaus gern nach den verschiedenen Mustern von Verwaltung, Domestizierung und Menschenverachtung weiter zu denken. Von Kunden oder Fällen zu sprechen mag einerseits diese Banalität des Normalen zeigen, ist es doch der amtliche Blick auf eine Welt, vor der sich "unser" verrohender Mittelschichtler hüten und dagegen stemmen muss, will er nicht eines Tages selbst dorthin verwiesen werden. Andererseits, die "Alternativen" für die Überflüssigen, die Minderleister, die Schmarotzer etc. im aufziehenden, postindustriellen Zeitalter und jenseits der herkömmlichen Arbeitsgesellschaft, diese auch schon mal zwangsweisen "Möglichkeiten" enden nicht beim Flaschensammeln.

Neu oder auch quer gedacht, als Ausdruck der Multitude (Hardt/Negri) wäre es noch Zeit, könnte das akademische Proletariat die wohl notwendige Parallelgesellschaft im passiven, gewaltfreien Widerstand nicht nur sehr pragmatisch unterstützen, halbwegs strukturierte Bildung den Vielen und sehr kostengünstig nahebringen, sondern auch den Part der immer notwendigen Artikulation verstärkt übernehmen; und im Wesentlichen ohne eine parteipolitische Vereinnahmung, die bereits bei der SPD und nun (spätestens seit der Jahrtausendwende) wohl auch bei den Grünen alle Wurzeln und Ideale auf dem Altar des entfesselten Neoliberalismus opfert. Wenn Bildung - und eben über das reine Rüstzeug zum Funktionieren hinaus - über die nächsten Generationen auf das bestenfalls ökonomisch Möglichene reduziert wird, dann ist es zu spät. In den USA und anderen Staaten unter ähnlich selektiver, extrem einseitiger Verteilung von Besitz und einer Bildung über dem Tellerrand nur für Wenige;

dort gibt es kein akademisches Proletariat !