10 Okt 2010

Missbrauch des Friedensnobelpreises ?

Submitted by ebertus

Spätestens seit 2009, als der Preisträger mit, sorry, Bushama benannt wurde, spätestens seit dieser Entscheidung des norwegischen Nobelpreiskomitees wurde man misstrauisch, zumindest grübelnd; stellten sich dahingehend so einige Fragen.

Der norwegische Autor Fredrik S. Heffermehl kommt in einem Beitrag von Telepolis sehr pointiert, sehr konkret zur Sache, stellt sich und anderen diese Fragen wohl bereits seit geraumer Zeit. Nicht Wettrüsten, nicht Truppen aufstocken um "irgendwann" - vielleicht - abzurüsten, nicht sog. Schurkenstaaten per se benennen und mit Eliminierung bedrohen, sondern...

Mit dem Konzept von internationaler Sicherheit, dass er 1895 in seinem Testament beschrieben hat, war er seiner Zeit weit voraus. Die darin beschrieben Ideen scheinen sogar angesichts des heutigen Sicherheitsdiskurses als zukunftsweisend. Die Nationen müssten, so schrieb er, auf Kooperation und Vertrauen setzen, statt sich in enorm kostspielige Rüstungswettläufe zu verstricken. Darunter leide auch die internationale Sicherheit, unser aller Sicherheit.

Natürlich, Norwegen ist zwar ein kleines Land, aber keineswegs neutral. Norweger sterben in Afghanistan, ebenso wie u.A. Deutsche und Amerikaner. Das muss zwangsläufig Auswirkungen auf aktuelle Entscheidungen des Komitees haben, denn Norwegen ist loyal und wähnt sich offensichtlich auf der Seite der Edlen und Sauberen, der Stärkeren eben.

Für die Mitglieder des Friedensnobelpreiskomitees war die Nähe zur norwegischen Außenpolitik – bis hin zu den Konzepten militärischer Stärke und einer geradezu blinden Loyalität der NATO gegenüber – wichtiger als die Achtung des Willens von Alfred Nobel. Für die Menschheit ist es geradezu tragisch, dass sie es nicht geschafft haben, Nobels Ideen zu bewahren. Ihr rechtlich verpflichtendes Mandat war es, denjenigen Unterstützung zukommen zu lassen, die sich für die Macht des Rechtes einsetzen, um das Gesetz des Stärkeren in den internationalen Beziehungen zu brechen.

Auch die deutsche Friedensbewegung der 80er darf sich durch Nobels originäre Intention bestätigt fühlen denn "Nobel wollte, dass der Preis den Zielen der Friedensbewegung dient, nicht einem abstrakten Konzept von Frieden". Dissidenten, sog. Nestbeschmutzer, Kritiker der jeweiligen Staatsraison auszuzeichnen ist sicher richtig, gar wichtig als Zeichen der Solidarität. Aber spätestens seit rund zwanzig Jahren erfolgt die Erkennung von kritischen Geistern neben der Benennung einiger Feigenblätter, von internationalen Organisationen (bei deren Würdigung man kaum etwas falsch machen kann) beinahe ausschließlich unter dem Blickwinkel nordamerikanischer bzw. westeuropäischer Interessen; vornehmlich wirtschaftlicher Art, wenn man dabei an die sog. Köhler-Doktrin zur Begründung von weltweiten Militäreinsätzen denkt.

Mit allem Respekt für Liu Xiaobo: Seine Wahl belegt einmal mehr, dass wir es hier nicht mehr mit dem Nobelpreis für Frieden zu tun haben, sondern mit einem Preis des norwegischen Parlaments. Wenn das Friedensnobelpreiskomitee etwas für Menschenrechte, Demokratie, Armutsbekämpfung und Umweltschutz unternehmen möchte, dann sollte es das Erbe Alfred Nobels ehren, für einen tief greifenden Wandel der internationalen Beziehungen eintreten und die Abschaffung allen Militärs fördern.

Ein Blick, auch aus deutscher Sicht, auf die Liste der Preisträger ist schon interessant und nicht nur von rein historischem Interesse getragen. Natürlich, bei Carl von Ossietzky dürfte weitgehende Einigkeit im positiven Sinne überwiegen, bei Willy Brandt vielleicht auch noch - wäre ich doch seinetwegen damals beinahe in die SPD eingetreten. Direkt nach Willy Brandt kam Henry Kissinger; und das ihm zugeschriebene "anything that flies on anything that moves" ist wohl genau das Gegenteil der notwendigen Geisteshaltung, die einen Preisträger im Sinne von Alfred Nobel auszeichnen wollte. Mit Linus Carl Pauling bzw. Martin Luther King wurden - wohl letztmalig - auch kritische, nordamerikanische Geister ausgezeichnet. Ja und danach, mittlerweile, seit mindestens zwanzig Jahren?

Alles bestens mit dem Frieden, zumindest was das christliche Abendland betrifft ...