17 Mär 2011

Die Kernschmelze des Kapitalismus

Submitted by ebertus

Zum gleichnamigen Beitrag der FTD später mehr; zuerst der spontane Gedanke:

"Atomkraft oder Steinzeit", und da gibt es - zugegeben - auch in meinem Bekanntenkreis, zu meinem Erschrecken (einen) Menschen, (dem) denen diese Floskel nicht als rhetorische, überspitzende, provozierende Übung entgleitet - nein, das ist ernst gemeint. Und fast richtig, nur das Wörtchen "oder" muss wohl durch ein "und" ersetzt werden: dann sollte es passen. Wie ein westliches Land mit Spitzentechnologie, mit Ökonomie auf führendem Niveau in die - zumindest partielle - Steinzeit katapultiert werden kann, das erleben wir gerade; und mit beinahe faszinierendem Schrecken.

Bigotte Klagelieder werden nun angestimmt, die Naturgewalten verantwortlich gemacht, mutige und tapfere Arbeiter als neue Kamikaze erkannt, ein deutscher EU-Kommissar sieht "uns alle", zumindest die Geschehnisse dort "in Gottes Hand" und gar eine bereits 1973 erkannte Marienerscheinung hätte Warnung genug sein sollen. Opium für das Volk, oder einfach nur perfide Ablenkung, Deutungshoheit über den Stammtischen der eher Unwissenden? Atomkraftwerke sind nicht vom Himmel gefallen wie Naturereignisse. Atomkraftwerke sind nicht per se sicher, gar CDU/CSU/FDP-geprüft. Atomkraftwerke brauchen Sicherheitsverwahrung, weit über bereits lebende Generationen hinaus. Atomkraftwerke sind tickende Zeitbomben ohne geregelte Entsorgung. Atomkraftwerke sind nicht Gottes Werk.

Wenn man die wirklichen Kosten für den Rückbau am Ende einer definierten Laufzeit, die Kosten für eine sichere Entsorgung, die Kosten für das sog. Restrisiko berücksichtigt, so ist Atomkraft wohl die mit Abstand teuerste Energieform. Versicherungen gegen dieses, von dem politisch-industriellen Komplex verniedlichte Restrisiko gibt es nicht, oder nur in absolut unzureichendem Maße. Daher bleibt - und das aktuelle Beispiel aus Japan wird es wohl zeigen - nur die Umlage auf alle Menschen, auf viele Generationen; partielle Steinzeit eben.

Und hier kommt nun der FTD-Beitrag von Wolfgang Münchau ins Spiel. Münchau wird grundsätzlich stellt das System mit seinen Widersprüchen, mit seinen Exzessen, mit seiner sehr selektiven Verteilung von Gewinnen und Verlusten auf den Prüfstand. Das Subprimen, das Verschulden von Staaten und Individuen läuft grenzwertig auf einen finalen Zusammenbruch hinaus, das System kollabiert an seinen, ihm innewohnenden, selbst generierten Krisen und Widersprüchen. Im Grunde logisch, was Münchau da schreibt, obwohl er den letzten Schritt scheut, die einfache Wahrheit dann doch nicht so deutlich aussprechen mag. "Ohne exzessiv optimistische Wachstumsannahmen sind Griechenland und Irland auf jeden Fall bankrott..." mag richtig sein, aber Ähnliches gilt doch generell, bestenfalls etwas zeitversetzt. Wenn sich fast Alles an Macht und Besitz auf Wenige konzentriert, die Pferdeäppeltheorie nicht mehr trägt, so ist es irgendwann vorbei. Geld und bunte Glasperlen vom Helicopter abwerfen reicht dann nicht mehr, die Katze verliert auch mit der Zeit die Lust, die (fast) totgebissene Maus immer wieder vergeblich zum Spielen anzuschubsen.

Natürlich, kurzfristig sowie unter anderer Perspektive ist der Fallback von Japan ein Gewinn für den Rest der Meute. Ein Konkurrent fällt vorerst aus, es gibt wieder viel zu liefern, aufzubauen, gegen entsprechenden Zins zu verleihen. Und es gibt - antisarrazinesk - ein erhebliches Volumen an hungrigem, gut ausgebildetem, diszipliniertem, nicht zu provozierend dunkel aussehendem, sog. "Menschenmaterial"; welches vagabundierend sich in anderen Gegenden der Welt verdingen wollte.

Insofern und aus dieser Sicht vielleicht dann doch ein Perpetuum Mobile, dieser destruktive Kapitalismus.

"Rückstellungen"

Weil mich zum Beitrag, zu den angemahnten, wirklichen Kosten gerade eine Mail erreicht, möge dies hier ergänzt werden:

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Berlin: (hib/HLE/MPI) Die vier in Deutschland tätigen Energieversorgungsunternehmen E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall Europe hatten zum Jahresende 2008 zusammen Rückstellungen in Höhe von 27,52 Milliarden Euro für die Stilllegung und den Rückbau von Atomkraftwerken sowie für die Entsorgung von radioaktiven Betriebsabfällen und bestrahlten Brennelementen gebildet. Wie die Bundesregierung in ihrer Antwort (17/1866) auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen (17/1675) mitteilt, lag die Höhe der Rückstellungen Ende 2005 bei 27,17 Milliarden Euro. Die weitere Entwicklung bei diesen Rückstellungen sei kaum einzuschätzen, teilt die Regierung mit.

http://www.bundestag.de/presse/hib/2010_06/2010_181/05.html
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Mal abgesehen von der Tatsache, dass diese "peanuts" - seit der sog. Bankenrettung sind andere Summen zur Verhinderung eines Kollapses angesagt - dass diese steuerfreien Rücklagen der allfälligen, beinahe vollkommen freien Verwendung durch die Kernkraftbetreiber anheim gestellt sind, so scheint mir der genannte Einwand per Mail sehr exemplarisch zu belegen, welche grundsätzlichen Sperren es im Denken von Atomkraftbefürwortern gibt. Es geht doch aktuell, es geht (hier und ebenfalls) in meinem Beitrag nur sehr peripher um den geordneten Rückbau und die nach wie vor ungeklärte Entsorgung.

Es geht um die Apokalypse.

Nicht in (statistischen, im Kaffeesatz gelesenen) Millionen Jahren nach Tschernobyl. Es geht um gerade mal den Zeitraum von einer Generation. Es geht um eine Technik, die absolut vergleichbar ist mit der hierzulande eingesetzten. Es geht um ein ebenfalls dicht besiedeltes Hochtechnologieland. Es geht um ein - mittlerweile erkennbar - sehr konkretes Risiko, für das sich bislang schon kein Versicherer fand, nun noch weniger finden wird. Die Frage sei daher sehr ernsthaft erlaubt, was schlimmer, gefährlicher ist für die Menschheit in ihrer existentiellen Gesamtheit: Das was dort in Japan an Schrecken, an partiellem Fallback in die Steinzeit gerade abläuft -

oder diese Denke, dieses bewußte Negieren und Verdrängen der Risiken; dieses Verneinen (Relativieren wäre zu wenig) bis hinein in höchste Kreise von Politik, Wirtschaft und deren willfährig zuarbeitende, sog. Eliten.