9 Jan 2013

Arendt - der Film

Submitted by ebertus

Nach der Rezension bei SPON ist das wohl ein sogenanntes "must see". Nicht unbedingt wegen der intellektuellen Tiefe, die in einem Film wohl nie das transportieren kann, was das Buch vermag. Nein, eher der Atmosphäre dieser Zeit, dieser rund fünf Jahre in New York geschuldet, eben die wesentliche historische Spannweite des Films. Die eigenen, mehrfachen Aufenthalte in dieser Stadt sind dabei keinesfalls hinderlich; im Gegenteil. Und Jack Kerouacs "On the Road" rollte diesen bei mir meist positiv ankommenden Kulturschock nochmals auf.

Zurück zu Hannah Arendt, wurde ihr doch hier im Blog bereits ein eigener Text gewidmet. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich alle drei Taschenbücher noch nicht komplett gelesen habe, am weitesten fortgeschritten ist mit rund zwei Dritteln "Über die Revolution". Einerseits bietet (mir) gerade das Taschenbuchformat Gelegenheit für eine Mitnahme im Bademantel, in die Sauna, aber andererseits gab es in den zwei letzten Jahren immer mal wieder andere Prioritäten. Zuletzt war dies der gerade abgeschlossene Text "Kritik der ethischen Gewalt" von Judith Butler; also dennoch wohl sehr nahe bei Arendt, steht doch Butler in bekennender Arendt-Tradition.

Auch "Eichmann in Jerusalem" habe ich bislang nicht zur Gänze sondern lediglich in Auszügen und via anderer Besprechungen, dortiger Zitate gelesen. Aber das ist wohl bei dieser, meiner Herangehensweise normal, braucht es immer mal wieder einen Anstoß, dieses oder jenes dann weiter zu vertiefen. Und dieser Film scheint nun eine andere, aber so meine ich zum Verstehen ebenfalls notwendige Facette zu beleuchten. Die des Menschen Hannah Arendt und wenn man der Rezension glauben darf, dann sehr realistisch dargeboten in der schauspielerisch modellierten Figur. Der letzte von mir gesehene Film dieser Machart war übrigens die hier anderweitig ebenfalls bereits erwähnte Dokumentation zu Johnny Cash. Und das, obwohl ich eigentlich nie ein Fan von Cash, dessen Musik war. Lebenslinien nachzuverfolgen, soweit sie mindestens halbwegs realistisch dargeboten werden, ohne Götzenverehrung und marktschreierischen Gestus, das macht mich zum Fan - dieses Genres

 

Nachtrag aus gegebenem Anlass:

Weil hier Judith Butler genannt wurde, eine ebenso wie Hannah Arendt wohl eher säkular sich verstehende Jüdin, so wird in anderen Kontexten und Diskursen, wird gerade in des sog. Beschneidungsdebatte und dem allfälligen Wedeln mit der Holocaust- der Antisemitismuskeule immer wieder auf den gerade heutigen Stellenwert von Religion abgehoben. Butler wie Arendt et al. müssen sich nun, nach der Beschneidungsdebatte wohl partielle Infragestellungen gefallen lassen. Gerade einer Hannah Arendt -die sich nicht mehr wehren kann- wurde nach "Eichmann in Jerusalem" doch vorgeworfen, den Stellenwert (Ranking) der Shoa zu vernachlässigen, das Verhalten der Täter zu relativieren. Und bei Judith Butler finden sich in "Kritik der ethischen Gewalt" verschiedene Ansatzpunkte, wo frühe sexuelle Prägung und Gewalt, das den Erwachsenen ausgeliefert sein (gerade von kleinen Kindern) durchaus auf die Beschneidung anzuwenden ist, obwohl der Begriff selbst bei Butler nicht fällt; somit der Interpretation anheim gestellt ist.

Zum "Ranking", den jeweiligen "Zumutungen" der Religionen ein Freitagsblog.

wiedergefunden!

eine wieder andere sicht auf jüdisch-israelisch-zionistisch-mensch
http://bit.ly/158UOfN

noch ein Finkelstein

Hardtalk - naja...

Das grelle Opening war schon mal nichts für meine Augen und Ohren.

Und die Interviewerin hätte einen Gurt gebraucht, war permanent in gebücktem Vorwärtsdrang, den -gewiss- etwas schläfrig daherkommenden Finkelstein immer wieder in ein beinahe "Sprachchaos" verwickelnd; und dennoch gebetsmühlenartig das gängige Mantra vom einzig demokratischen Staat im Nahen Osten, vom einzigen Schutzraum für Juden (vor einem drohenden neuen Holocaust...) wiederholend. Gegen Ende -das war drollig- gar Finkelstein dahin in die Enge treiben wollend, ob er nicht doch eher Jude denn Amerikaner sein würde/sollte/müsste. Aber genau das ist ja diese bewußte, die suggestive und in provozierende Sippenhaft nehmende Verbindung von Religion einerseits und Nationalstaat andererseits.

Inhaltlich konnte Finkelstein dennoch Substantielles sagen, gerade was die jüngere Generation von amerikanischen Juden betrifft. Es mag da verschiedenen Strömungen geben und Peter Beinart gehört nach Finkelstein bei aller berechtigter Kritik an Israel eher zu den Orthodoxen. Obama kommt ebenfalls nicht gut weg, knickt dieser -nach Finkelstein- doch weitgehend und immer wieder vor der Israel-Lobby ein.

Ok, das Ende kam etwas apprupt; oder habe ich da was verpasst...?

da schlug wohl am ende

die olle milleniaristische idee wieder durch: wenn denn die juden ihr land wieder und sich zum christentum bekehrt hätten, dann...
oder auch der rassismus, der als solcher garnicht mehr wahrgenommen wird.

und hier der unaufgeregte

bericht von der veranstaltung in NY
http://972mag.com/after-a-week-of-controversy-the-brooklyn-college-bds-e...
mit weiterführendem link auf Butlers komplettes statement.

schade, dass es keinen auf das statement von Barghouti gibt

ein wenig gibt es von Omar Barghouti schon:

Omar Barghouti - Danke!

Nett, den mal "live" zu sehen und zu hören.

In dem von @Rahab verlinkten Text bei +972mag stimmt die Autorin Barghouti zwar inhaltlich zu, erkannt aber neben dessen dargebotener geringerer Intellektualität (im Verglich zu Butler) auch ein Stück weit auf Populismus - was Lisa Goldman nicht mag. Aber wer mag das schon? Ich finde den so Gescholtenen in diesem Video absolut seriös, sachlich und jederzeit inhaltlich orientiert. Natürlich, irgendwie "smart" wirkt er ebenfalls.

Populismus ist immer eine gewisse Gratwanderung. Zu intellektuell verstört das Publikum, macht einsam. Zu populistisch stellt den Ernst des jeweiligen Themas etwas in Frage, die dahingehend agierende Person (gefühlt) in den Mittelpunkt. Nicht nur mir ging/geht das wohl beispielsweise auch bei Oskar Lafontaine so. Inhaltlich gehe ich da weitgehend konform; wie er dies jedoch in Mimik und Gestik, manchmal auch verbal rüberbringt; das mag ich oft nicht.

Ansonsten ja, auch Hannah Arendt, deren "New School" wurde(n) derart bedroht. Das Infragestellen realer Existenz war und ist Strategie, ist immer ein Versuch sich Meinung zu kaufen. Einer der Vorteile des Internet heute, dass dies nur noch sehr begrenzt möglich ist.

Hinweis im/zum Arendt-Blog

Mittlerweile war Omar Barghouti gar in echt zu erleben. Hier entlang bitte!

noch mal im grunde

Ooh... Starker Tobac

Mir ist bekannt, dass Norman Finkelstein auch einer der kritischen Juden ist, dahingehend wohl nicht nur in den USA und in Israel ein rotes Tuch. Aber ernsthaft beschäftigt habe ich mich mit ihm und seinen Thesen noch nicht. In dem Film "Defamation" kommt er wohl ebenfalls zu Wort.

Aber das hier ist schon ganz schön radikal. Genau das Gegenteil von dem visionären angenehmen Leben eines Sari Nusseibeh auch ohne politische Teilhabe, gar in apartheidähnlichen Konstellationen. Finkelstein dagegen fragt sehr deutlich, sehr eindringlich, ob die Araber den auf ewig so (immerhin...) leben wollen, unter den Stiefeln der Israelis.

Bei Finkelsteins Vergleich mit dem eher geringen Widerstand in Frankreich kam mir sofort wieder der Film über Hannah Arendt in den Sinn. So schrieb/sagte sie doch über die französischen "Freunde" im Allgemeinen:

"Über Nacht wurden wir zu einer neuen Art Menschenwesen, die von ihren Feinden in Konzentrationslager und von ihren Freunden in Internierungslager gesteckt wurden."

Und in welche Art Lager wollen dann schlußendlich die Araber, fragt Norman Finkelstein in diesem Video sehr eindringlich, gar schon provozierend.

Werd ich noch schauen,

Finkelstein ist auch so ein Rufer in der Wüste, seine beiden Bücher "Die Holocaust-Industrie" und "Antisemitismus als politische Waffe" habe ich jedenfalls und beinahe en passant gebraucht erstanden, vorerst zu Archivzwecken und außer den jeweiligen Vorworten, Vorbemerkungen und Einführungen jedoch noch nicht weiter oder gar vertiefend gelesen.

Im Grunde ist es das,

welches auch in dem Arendt-Film gestern anklang, in mindestens zwei Szenen explizit hinterlegt wurde.

Was bedeutet es, wenn die sog. Freiheit von Forschung und Lehre einer momentanen, aktuellen und mit Sicherheit nicht wirklich repräsentativen Ideologie unterworfen wird, die Finanzierung dieser Freiheit von Willfährigkeit abhängig gemacht wird.

Ok, Judith Butler und Omar Barghouti einerseits, Alan Dershovitz andererseits, da prallen zur Thematik intellektuelle Welten aufeinander, welche weltweit wohl kaum eine Entsprechung finden werden. Die Gaudi hierzulande um Jakob Augstein und andere entlarvte "Antisemiten" ist dagegen mit Sicherheit lediglich Boulevard. Und das wissen sie auch, die eloquenten Kleingeister, die verbroderten ziemlich besten Freunde Israels hierzulande.

new york - old asta

erinnert mich an den knatsch um das allgemein-politische mandat der asten in den 70-gern.

Boulevard unterhält ja zumindest in der Regel,

die Gülle der fidelen kleingeistigen besten Freunde Israels ist doch eher für die Kläranlage.

Die verbiesterte Stimmung in den IdeologInnen-Blogs der verkappten Fundis ist bestenfalls ein abschreckendes Beispiel dafür, wie es nicht gemacht werden sollte.

Zwei Fragen bleiben offen

eine im Grunde nur. Und das ist Arendts mögliche, über die reine Berichterstattung hinaus gehende "Wertung", was die Kollaboration der sog. Judenräte betrifft. Darüber ernsthaft und auch gern allgemeiner gefasst nachzudenken, das scheint mir angebracht.

Die zweite "Frage", die der Jugendliebe zu Heidegger ist im Grunde keine und wird mangels ernsthaftem Wollen oder gar Vermögen zur inhaltlichen Argumentation nach wie vor als Diffamierungsinstrument verwendet, wird Arendt in Sippenhaft genommen für Entwicklungen, die objektiv erst später eintraten.

Vom Buch zum Film

Das Buch zum Film ist seit einer Woche in meinem Besitz, sollte ich es und ganz gegen meine Gewohnheit nun doch etwas zügiger lesen. So habe ich doch gerade -ganz unverbindlich, anonym geht das- zwei Karten für Dienstag nächster Woche beim Capitol Dahlem bestellt.

Natürlich, das Buch selbst, sprich: "Eichmann in Jerusalem" welches weitgehend Szene und Hintergrund des Films darstellt, wäre über verschiedene Rezensionen und andere, dahingehend bereits verfolgte Auseinandersetzungen hinaus dann auch ein mit Sicherheit notwendiger Lesestoff im Original.

Mal schauen, vielleicht regt gerade der Film dazu an...

 

Die Funktion folgt der Form

und mal spiegelverkehrt über das im Englischen gängige "form follows function" hinaus; dahingehend ohne Geländer gedacht hier das eher Formale vorab:

Diesen Film "darf" mann/frau keinesfalls allein besuchen! Der anschließende Diskussionsbedarf sollte/muss befriedigt werden...

also icke...

könnte mir vorstellen, den film auch allein anzugucken. und ohne diskussionsbedarf.
könnte sein, dass ich hinterher noch mal in das eine oder andere buch gucke.
oder mir überlege, was für ein film wohl über Arendts arbeit über Rahel von Varhagen zu drehen wäre.

Wäre, wäre...

und das Kino war bestenfalls zehn- (plus xxx) prozentig besetzt. Rahel Varnhagen würde den Wert mit Sicherheit einstellig werden lassen; was ja (leider) ok ist aber/und in unseren betriebswirtschaftlich-rationalen Breitengraden dann keinen "Hersteller/Vertreiber" mehr finden würde.

Das ist/wäre schade, aber nun einfach mal zu konstatieren.

zehlendorf

danach war mir heute nicht.
Rahel von Varnhagen wäre ein sehr interessanter ansatzpunkt- auch, um das verhältnis zu Heidegger endgültig zu klären.
eine alte frankfurter bekannte dichtete dazu (sag ich jetzt so, denn ursprünglich war es auf einen anderen bezogen) mal: dein bespringen im gedächtnis alter kühe.
aber nicht nur dafür.

Auf Telepolis

Für mich ist es "inhaltlich" die bislang beste, zumindest ausführlichste Rezension; und dabei erheblich über den Film, das mit Sicherheit gelungene, Plakative oder auch Authentische hinaus gehend. Link zu Telepolis.

an goedzaks rezension

fand ich gut, dass er mir wie jeder anderen betrachterin weitestgehend überließ, welche fragen ich sonst noch an den fim, an Hannah Arendt, an die Arendt-reziption, an rezensionen des films und auch noch an meine eigene lektüre stellen möchte. falls ich denn möchte. und das nicht auf später verschiebe. was ja mal bei nachdenken über... so geschehen mag.

Ja das ist richtig,

setzt jedoch voraus, dass mann/frau das Werk von Arendt soweit und doch wohl recht gut kennt, dass mann/frau sich diesen Luxus des "selbst entscheidens" derart souverän erlauben darf; schmunzel...

Heidegger ist wohl der einzige, wenn auch oft (interessiert) diffamierend daher kommende, selektiv instrumentalisierte kritische Punkt in Arendts Vita und mal abgesehen von sog. "Zaungästen" und Klärgrublern, für die das gern schaudernd machende Verhältnis einer jungen Jüdin zu einem Nazi (wenn auch erst "ex post" erkennbar) das Thema an sich darstellt.

Zum Freitag, Goedzak's Blog.

Heidegger?

ich versteh sowieso nicht, wieso sich so viele leute dafür interessieren, mit wem so all Hannah Arendt im bett oder auf der grünen wiese himmlisches vergnügen pflegte.
ich denke ja, das ist genauso privatsache wie religion und rechtschreibung.

schon klar, wenn nicht sein kann, was nicht sein darf.

Ich finde es nicht unwichtig, welch Geistes Kind die Menschen sind, die man so nahe an sich heran lässt.
Und im Falle Heidegger spricht nun mal rein gar nichts für die Dame und deren "Geschmack".

der ärmste

Heidegger - oder doch forenboy?
wer wurde da denn von einer jüdischen dame besudelt?

Rahab, beschränke doch bitte Deine

dämlichen "ad personam"-Kommentare auf Dein eigenes Blog, da fällt das überhaupt nicht auf, gibt es dort doch kaum anderes zu lesen.

ach wie so bübisch

ist die re-pli-hicks.

weißte, wenn ich mich richtig erinnere, dann hatte Arendt diese affaire, als Heidegger zwar schon schwurbelte, aber ... und dass sie sich von seinem schwurbeln nicht besonders hat beeindrucken lassen, zeigt ja ihr weiteres werk.

im übrigen: könnte ja sein, dass Heidegger zeitweilig wenigstens als lover brauchbarer war denn als pilosoff.

Alles ex post

Nochmal zu Brumliks gewissem "Problem" bei dem Verhältnis von Arendt zu Heidegger und abgehandelt, zumindest angesprochen über einen Zeitzeugen, über Herbert Marcuse. Das Kleine Büchlein "Versuch über die Befreiung" habe ich vor einiger Zeit mit Interesse gelesen, bereits anderweitig erwähnt. Und auf der beiligenden DVD ist ein Interview mit Marcuse enthalten, wohl ein Zeitdokument.

Hier via Youtube und ab ca. 26:20 spricht Marcuse auf Nachfrage über seine Zeit bei und mit Heidegger. Nein meint Marcuse, Heideggers Neigung hin zum Nationalsozialismus war in dessen Philosophie damals noch nicht zu erkennen, erst (wörtlich) "ex post", so ab 1932. Ähnlich würde das wahrscheinlich auch Hannah Arendt formuliert haben; hat sie dies möglicherweise gar, weil es mit Sicherheit auch immer wieder ein Thema der (eingeforderten) Rechtfertigung gewesen ist. Und über das Formale, das Inhaltliche hinaus (bei Heidegger studiert zu haben) kommt für Arendt natürlich noch die gewesene, persönliche Beziehung zu Heidegger hinzu.

Insofern und wenn es nicht bereits andere getan haben, so wäre das doch ein Thema für Brumlik.

Brumlik in der taz

Auch Micha Brumlik hebt ab auf diese "hellwache" New Yorker Szene, wenngleich er und im Gegensatz zu der SPON-Rezension das offensichtlich gelungen plakative, nicht so ausführlich abhandelt.

Stattdessen hätte er wohl mehr Inhaltliches erwartet, gerade was Arendts Jugendliebe Heidegger betrifft, ob und in wieweit sich Arendt sich von dessen Denken wirklich, vollumfänglich emanzipiert hat. Wohl zuviel erwartet für einen Film; meine ich.

Ansonsten ja, wäre mit Brumlik zu wünschen, dass Hannah Arendt wieder mehr gelesen wird; und/aber eben emanzipativ (meine Meinung jenseits der von Brumlik), auch jenseits eines oft beengenden deutschen Kontextes. Geht nicht? Ok, ist schwierig hierzulande, aber Denken wird man doch wohl noch dürfen ...