27 Mai 2013

Düstere Zukunft

Submitted by ebertus

Dieser Text in der JW erzeugt zusätzliches Interesse; über den bereits gefassten Vorsatz hinaus, die Veranstaltung mit Moshe Zuckermann im Rahmen der JW-Ladengalerie am Freitag zu besuchen. Spontan die beiden Bände zu kaufen, das könnte leicht möglich sein, gerade weil Zuckermann -wie mir aus anderen Texten, Videos etc. bekannt ist- einen angenehmen Kommunikationsstil pflegt; ohne (pseudo)akademische Überhöhung, der notwendigen sachlichen Behandlung des Themas angemessen.

Und es schließen sich (aus meiner Sicht) einmal mehr die gedanklichen Kreise, beispielsweise von Moshe Zuckermann zu Robert Kurz:

Dem in Deutschland verbreiteten vulgären Philosemitismus bescheinigt der Autor »eine gefährliche Gemeinsamkeit mit dem manifesten Antisemitismus«.

Die Beiträge im Band I setzen sich kritisch mit der Entstehungsgeschichte des Staates Israel, dessen gegenwärtiger Politik und dem deutsch-israelischen Verhältnis auseinander.

Eine Zweistaatenlösung sei nicht mehr praktizierbar, ohne daß jüdische Siedlungen in Größenordnungen den Palästinensern zurückgegeben würden. Das Resultat wäre ein Bürgerkrieg zwischen Regierung und rechtsradikalen Siedlergruppen. Die an sich vernünftige Einstaatenlösung mit Juden und Palästinensern als gleichberechtigten Bürgern sei ebenfalls nicht durchsetzbar, weil sie dem zionistischen Gründungskonsens Israels als mehrheitlich jüdischem Staat widerspricht. Aus diesem unlösbaren Dilemma resultierten zunehmend faschistoide Tendenzen in der israelischen Politik.
 

Deutliche Worte, als Bogen oder mehr noch als Gerade von Vladimir Jabotinsky bis zu den Antideutschen hierzulande, wobei Robert Kurz letzteren bereits vor zehn Jahren bescheinigte, dass deren Ideologie außerhalb des deutschen Sprachraumes "nur mit rechtskonservativen, reaktionären und nationalistischen Tendenzen zusammengehen" kann. Auch oder gerade nach meinen Erfahrungen, meinem kritischen Einlassen auf sog. Antideutsche(s) in den letzten zwei Jahren repräsentiert das Kurz'sche MWW sehr genau diese latent rassistische, männlich-westlich weisse Figur des neokolonialen Bellizisten und Eroberers; der Antideutschen eben, von den intellektuellen Führern über das oft im Anonymen zelebrierte Dunkelfeld bis hin zu trojanischen Pferden in linken, aber auch etablierten Parteien und Medien.

In der Erkennung dieses unlösbaren Dilemma, der daraus resultierenden, erkennbar zunehmenden faschistoiden Tendenzen in der israelischen Politik steht Zuckermann keinesfalls allein, gibt es unter dahingehend kritischen Juden in Israel und gerade in den USA eine sehr deutlich artikulierte Meinungsbildung. Der israelische Historiker Shlomo Sand beispielsweise, dessen Buch "Die Erfindung des Landes Israel" lese ich aktuell und auch Sand schreibt in dem eingangs gewürdigten, angenehm lesbaren, mir verständlichen Stil. Ähnliches, wenn auch in englischer Sprache und soweit bislang eingelesen gilt für Judith Butler, deren aktuelles Buch "Parting Ways" zu unterschiedlichen Entwicklungen des Judentums in Israel und der übrigen Welt. Sand und Butler stellen klar, dass die Diaspora ein, wenn nicht das wesentliche Element des Judentums war und ist, dieser proklamierte "Jüdische Staat" namens Israel in seinem ungebremsten Expansionsdrang irgendwann und dann wohl sehr schrecklich scheitern muss.

Und einmal mehr, meine These hier an anderer Stelle nachzulesen, wo der sog. nichtjüdische Jude, sprich: der rechtskonservative, nationalistische säkulare Israeli ohne Judentum neu konstruiert wird. Dem bedingungslosen Israelsupport geht es nicht um das Jüdische, das Judentum etc. Dieses wird lediglich immer mal als historischer Gruselfaktor perfide instrumentalisiert und damit zweckentfremdet. Es ist nach dieser, im Zuge der Beschneidungsdiskussion erkennbaren Wende der Hardcore-Antideutschen bestenfalls Beiwerk und darüber hinaus ein im Privaten zu verbleibendes religiöses Gedöns; soweit Ausprägungen von jüdischer Religion und Kultur nicht direkt abgelehnt werden. In meinem Verständnis eine Form von Antisemitismus, wie Moshe Zuckermann dies möglicherweise meint, wenn er die Gleichsetzung von Antisemitismus mit Antizionismus kritisiert.

Nicht zuletzt sei hier angemerkt, rennt -salopp gesprochen- Zuckermanns Hinweis auf "Eichmann in Jerusalem" bei mir offene Türen ein. Das Buch von Hannah Arendt gelesen, den aktuellen Film über Arendt gesehen, so wird mir diese perfide, ja zynische Instrumentalisierung des Jüdischen, des Holocaust immer deutlicher.

Demnächst ebenfalls in Berlin: Auf eine noch lebende, dennoch bereits historische Figur darf hier verlinkt, diese Videosequenz als Hinweis auf die israelische Variante von Apartheid, auf die von Zuckermann genannten "faschistoiden Tendenzen" verstanden werden, nun wirklich den Abschluß des kleinen Textes markieren:


 

Etwas neben der Spur

und auch bereits anderweitig, in einem anderen Blog erlebt; den anonymen Nick @Heron

Beim Freitag, zu diesem Text meint er etwas sagen, schreiben zu müssen. Nein, nicht wirklich inhaltlich sondern eher das Übliche dessen, was die "best friends" so von sich geben; und immer mit Godwin's Law im Gepäck. Der erste Einwurf zu Moshe Zuckermann mag ja noch ironisch zu verstehen sein, ansonsten wohl hilflos. Aber dann wird es doch skurril und wenn das Thema an sich nicht Ernsthaftigkeit gebieten würde, so wäre meinerseits einmal mehr Schmunzeln angesagt.

"Wessen" Hitler, das sei mal dahin gestellt, aber so schreibt unser @Heron doch tatsächlich, dass dieser Hitler bei der Judenvernichtung "nicht wirklich gründlich" war, dass faktisch, sinngemäß somit viele Juden die grade in Osteuropa schlimmen Pogrome überlebt hätten und nun nach Israel auswandern. In meinem Verständnis könnte diese Aussage als Holocaustleugnung interpretiert werden.

Im beinahe gleichen Atemzug jedoch schlägt der @Heron dann den bekannten Godwin-Haken, wirft dem @ebertus (also meiner Wenigkeit) fragend vor, die Shoa möglicherweise leugnen zu wollen. Eingedenk dem Fakt, dass die fast vollkommene Vernichtung gerade der osteuropäischen Juden durch die Nazis für mich -und wie in einem vorherigen Kommentar dort beim Freitag mit gewisser, fragender Verwunderung deutlich gemacht- eine historische Tatsache darstellt, ist das schon mehr als skurril;  wird meine Aussage argumentativ auf den Kopf gestellt, in das Gegenteil verkehrt, soweit von ernsthafter "Argumentation" dabei noch zu sprechen wäre.

Und die berechtigte Frage, wo diese Millionen Menschen jüdischen Glaubens dann so plötzlich herkommen, welche in den letzten zwanzig Jahren insbesondere aus der ehemaligen SU nach Israel auswanderten, diese Frage ist ja nicht "auf meinem Mist" gewachsen. Sie wird von kritischen jüdischen Medien und Autoren gerade in Israel und den USA immer mal wieder aufgeworfen. Schon via Arendts "Eichmann in Jerusalem" ist zu lernen, dass es selbst unter den Nazis unterschiedliche Meinungen zum Status mittel- und westeuropäischer Juden im Vergleich zu denen in Osteuropa gab, die Vernichtung gerade im Osten umso intensiver betrieben wurde. Das heutige Israel, und darunter leiden erkennbar die säkularen, eher westlich orientierten Liberalen und Linken dort, dieses heutige Israel ist zunehmend geprägt von Einwanderern aus einem (ehemals) totalitären Umfeld. "Neubürger", die eher einem reaktionär-nationalen, oft gewaltbereiten Gestus zuzuordnen sind, denn hehrer Religiosität.

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Moshe Zuckermann hat "des Rätsels Lösung" namens Konvertierung in dem hier besprochenen JW-Artikel ja bereits genannt. In meinen Worten: Jüdische Identität hat nichts mit sarrazinesken Genen zu tun, ist kein hartes Branding qua Geburt. Die religiöse Orientierung ist Definition, ist selbstbestimmt, selbstgewählt; oder (in der Regel) den Nachkommen bereits durch die Eltern zugewiesen. Christ, Moslem, Jude kann fast Jede(r), fast überall auf dieser Welt werden - via der im Einzelfall möglicherweise auch wieder zu korregierenden Willensentscheidung!

In der ehemaligen BRD wurden ähnliche Erfahrungen gemacht, was die aus wirtschaftlichen Gründen durchaus verständliche, umfangreiche Einwanderung aus Osteuropa betrifft. So gab es eine nur wenig ironisch gemeinte sog. Lummerdoktrin (nach dem CDU-Politiker Heinrich Lummer). Diese Doktrin besagte, dass "Russlanddeutsche", soweit sie in die BRD übersiedeln wollten als Nachweis ihres Deutschtums lediglich den Besitz eines deutschen Schäferhundes glaubhaft machen mussten... Im Ernst, so waren die quantitativen Verhältnisse in der Bundesrepublik vollkommen andere als die ab der 1990er in Israel, war diese Einwanderung bei gut sechzig Millionen "Alt-Einwohnern" hierzulande und ohne größere geselschaftspolitischer Verwerfungen noch zu verkraften, zu gestalten.

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Ein Letztes vielleicht noch, was den hier genannten @Heron wohl mit anderen "best friends", mit den Antideutschen, dem oft bedingungslosen Israelsupport verbindet. Gegenüber kritischen Intellektuellen, sprich: israelischen wie nordamerikanischen Juden existiert nach wie vor eine ausgeprägte "Beisshemmung". Vom kleinen @ebertus bis zum großen Augstein werden die erkennbar nichtjüdischen Überbringer der Botschaft gern virtuell, symbolisch geköpft; insbesondere und sehr pauschal "die Deutschen". Die Originale dagegen, wesentlich deutlicher sich äußernde kritische, gar global orientierte Juden spielen in einer anderen Liga, intellektuell in jedem Falle und sie kommen auch nicht auf skurrile SWC-Rankings. Eine seriöse inhaltliche Auseinandersetzung, über die Zuweisung moralischer Verderbtheit hinaus findet mit diesen Juden nicht statt und wenn der anonyme @Heron sich substantiell beispielsweise mit Shlomo Sand, dessen aktuellem Buch auseinander setzen würde, so wäre das mehr als überraschend; im Grunde ein "no go", oder?

 

nicht neben

sondern in der spur. nämlich der revisionistisch-zionstischen: was wir haben, geben wir nicht wieder her (vielleicht kommen dabei am ende ja defensible borders raus...) - araber, welche bleiben, werden mit harter hand regiert (dann gehen sie schon...) - tanach als grundbuch zu lesen, ist gelegentlich nützlich (das hält die religiösen bei der stange....) - eine zweite shoa passiert uns nicht, denn wir haben endlich aus megilat esther gelernt! (aber die 1.shoa ist ganz gut zu gebrauchen, um evtl.kritikerinnen moralin in der seele rumzuknietschen...)
nein. das ist nicht wirr. sondern ultra-nationalistisch und ganz stramm anti-links.

Wo die vielen jüdinnen in der ehemaligen SU herkommen? Ganz einfach. 1. hatte Stalin welch-etliche verschubt. 2. hatte die wehrmacht nicht die ganze SU besetzt 3. haben welch-etliche nicht nur Hitler sondern auch Stalin überlebt 4. haben sich die überlebenden vermehrt, auch mit nicht-jüdinnen 5.brauchte Israel dringend neu-einwandererinnen und nahm es deshalb und ausnahmsweise bei den Grushim nicht so genau …. sonst wären die nämlich alle in 1. die USA 2. nach west-europa oder 3.in die sonstige freie welt gezogen....

der größte ärger aber ist

für Heron: der blöde Moshe ist in Tel-Aviv geboren! der hat die aliya intra-uterin gemacht! - da kommt, wenn der Moshe ein linker ist, gebürtlichkeit als neu-anfang ins spiel.

den Lummer

hast du nicht ganz verstanden: dem waren die rußlanddeutschen nicht deutsch genug! daher der spruch von wegen, das einzig deutsche an ihnen sei ihr schäferhund.

Ok, wie dem auch sei

Der Lummer war ja kein Grüner, kein Linker, kein Multikulti-Befürworter sondern ein konservativ-nationaler Law&Order-Vertreter.

Mir ging es neben der Ironie einer sich (als beinahe Farce...) wiederholenden Geschichte um die gewisse Vergleichbarkeit dieser Aus/Einwanderung aus primär wirtschaftlichem Interesse. Und da war es für die Nachkriegs-BRD schon wichtig, den Besitz eines deutschen Schäferhundes nachweisen zu können, ebenso wie ab 1990 dann "irgendwie" jüdische Bezüge in der Ahnentafel zu haben.

Das Entscheidende -und wir sprachen ja schon mal darüber- scheint mir die Quantität von derartiger Einwanderung, welche die BRD von den demographischen Größenordnungen her aushalten konnte, dagegen das aktuelle Israel eben nun nicht mehr die offene, säkulare, liberale Gesellschaft von vor zwanzig oder dreissig Jahren repräsentiert.

nicht so einfach!

diese wanderungen (beginnend in den 70-gern) hatten durchaus politische gründe. im übrigen ging das primär wirtschaftliche interesse nach USA und BRD...

"etwas neben der Spur"

dürfte doch maßlos untertrieben sein, wenn ich mir die Kommentare im Güllefass der Bayernfreunde in Erinnerung rufe.

Ist mir nicht aufgefallen

bei meinem gelegentlichen Mitlesen dort in der Klärgrube. Oder hat er sich, wie das ja unter dem intellektuell einarmigen selbstdarstellenden Panzerknacker üblich ist, dort mal einen anderen Nick gegönnt?

Mir ist er -und zugegeben, mein Eindruck- oft neben der Spur, sprich: mit latent wirrem Geschreibe und bestenfalls dem Versuch einer in der Regel äußerst schrägen Ironie bei der treuenliebe aufgestoßen.