11 Jun 2013

Moshe Zuckermann in Berlin

Submitted by ebertus

Bild: Bernd Ebert

 

Wie bereits vor wenigen Tagen hier im Blog angekündigt, so gab es am 31. Mai die Gelegenheit, den israelischen Soziologen Moshe Zuckermann bei einer Podiumsdiskussion der Tageszeitung "Junge Welt" real zu erleben. Anlass war die Vorstellung des zweitem Bandes "Wider den Zeitgeist", einer auf drei Teile angelegten Vortrags- und Essaysammlung Zuckermanns aus den letzten zehn Jahren.

 


 

Moshe Zuckermann gehört zu den kritischen jüdischen Intellektuellen, welche den Staat Israel und dessen geopolitisches Agieren, die gegen jedes internationale Recht andauernde, faktische Besetzung der Westbank und des Gazastreifens aus primär linker, weitgehend säkularer und dennoch jüdischer Sicht, von "innen heraus" kritisieren. Ähnlich wie den hier in weiteren Blogtexten bereits erwähnten Peter Beinart, so treibt auch Zuckermann die Sorge um, dass Israel sich zunehmend in eine ausweglose Situation begibt, bei der es schlußendlich nur die wechselweise Alternative von Bürgerkrieg oder Apartheid geben kann, das zionistische Projekt und auch was die möglicherweise positiven Aspekte betrifft insgesamt zur Disposition steht.

Während der erste, bereits im letzten Jahr erschienene Essayband sich auf die erwähnte geopolitische Entwicklung konzentriert, auch das Verhältnis Deutschlands, der Deutschen zu Israel und dem Nahostkonflikt insgesamt thematisiert, so ist der zweite Band -um den es bei besagter Podiumsdiskussion im Wesentlichen ging- primär Zuckermanns Reflektion der sog. Kritischen Theorie gewidmet. Ein Reflektieren, welches eng mit den Namen von Adorno, Horkheimer und Marcuse verbunden ist, gerade auch kulturalistische Aspekte und  Elemente enthält und nach Zuckermanns Worten die mittlerweile sehr weitgehende Kolonialisierung des Denkens durch die Kulturindustrie adressiert. Dagegen, gegen diese schleichende bis offene Bewußtseiskontamination möchte Zuckermann anreden, anschreiben.

Der Veranstaltungsort, die JW-Ladengalerie war mir bis dato unbekannt, machte dann im Grunde einen angenehmen Eindruck.  Bei einem gemütlichen Kaffee -zu einem anderen Zeitpunkt, versteht sich- etwas ausführlicher Stöbern in der ausliegenden, umfangreichen Literatur nebst anderen Medien wie CD's oder DVD's etc. - das sollte es schon mal sein. Und dieser Zeitpunkt war für mich nun gestern gekommen, ist die Ladengalerie bequem mit der U-Bahn (Rosa-Luxemburg Platz) und einem kurzen Fußweg zu erreichen. Gegen eine kleine Spende darf man dann gern auch noch einige Exemplare der gedruckten JW mitnehmen, bis hin zur aktuellen Ausgabe. Ansonsten Ja! Das erwähnte Büchlein (160 Seiten) und natürlich gegen Barzahlung (20 Euro) musste es dann schon sein. Der hinter dem Buch stehende Laika-Verlag hat ebenso wie Zuckermann unter den neuen Rechten, sprich den Antideutschen hierzulande wenig Freunde und bietet dennoch -mein Eindruck nach entsprechender Recherche- eine Fülle an "linker" Literatur, der bei Gelegenheit, bei Bedarf näherzutreten wäre.

Btw. "best friends...": Auch Zuckermann bestätigte meinen gerade während der Beschneidungsdebatte gefestigten Eindruck, dass diese im Grunde säkularen Bellizisten, die dem großen Kapital zugeneigten bedingungslosen Israelfreunde mit dem Judentum, dem Jüdischen, mit jüdischer Religion und Kultur an sich und sehr grundsätzlich eher nichts im Sinn haben, dass deren intellektuelle Köpfe hierzulande und dahingehend eine historisierende Pseudowissenschaft gerade unter der Vereinnahmung von Adorno zelebrieren und dass dieses oft schon sektenhaftes Treiben eine Spezialität innerhalb deutschen Sprachraumes  nach 1990 darstellt.

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Die Aufzeichnung von Gespräch und Diskussion bei publicsolidarity

Tour de horizon,

und ansonsten Gebetsmühle, was ein Mitglied der Piratenpartei zu der in Kreisen dieser "best friends" gern zelebierten, von Zuckermann kritisierten Vermischung von Antisemitismus einerseits mit Antizionismus und Israelkritik andererseits in bekannter, in allgemeiner und einer von (erkennbar bigotter?) Entrüstung durchzogenen Einlassung zum Besten gibt.

Durch Zuckermanns Reflektionen der Kritischen Theorie angeregt, so war mir nach einem (bislang noch nicht freigeschalteten, geschweige denn inhaltlich beantworteten) Kommentar dort im adoroesk "beschädigten Leben". Da mir diese, meine Fragestellungen über einen gewissen Provokationsfaktor (wegen dem Adressaten) hinaus sehr grundsätzlich erscheinen, so mögen sie hier wiederholt werden:

 

Drei Fragen, wegen dem unvermeidlichen Bezug auf Adorno.

1. Ist die Kritische Theorie in einer expliziten Form und nachlesbar kompatibel mit dem Zionismus?

2. Waren die Frankfurter Denker ebenfalls Zionisten oder zumindest der zionistischen Idee/Ideologie positiv gegenüber eingestellt?

3. Wie steht es um die (gern auch aktuelle) Rezeption der Kritischen Theorie gerade in Israel?

 

Eine Erfahrung mehr, dass die Kritische Theorie im Allgemeinen und der Bezug auf Adorno/Horkheimer im Besonderen auch bei dem intellektuell sich gebenden Israel-Support auf wenige Stichworte und bekannte Zitate beschränkt bleibt, eine inhaltliche Auseinandersetzung im Grunde nicht erfolgt. Das mag einer pseudoelitären Abwehrhaltung geschuldet sein, dieses wissende: "ist eh' alles klar und Adorno (war) einer von uns!". Dumm nur, dass außerhalb des deutschen Sprachraumes und gar in Israel (oder den USA) die Frankfurter Schule als quasi akademisch geadelter Jungbrunnen der israelischen Form von Zionismus nicht bemerkbar ist.

Inhaltlich mit Adorno, der Kritischen Theorie auseinanderzusetzen, differenzierend wie auch erkennbar wohlwollend, das ist die Domäne eher israel- bzw. zionismuskritischer Intellektueller von Robert Kurz über Judith Butler, Peter Beinart bis hin zu Moshe Zuckermann; um nur einige der seriösen, über subtiles "Bomb, Bomb the Iran" hinaus sich explizit äußernde Intellektuelle zu nennen. Insofern sind diese zwanzig Euro für die hier erwähnte Schriftensammlung gut angelegt; aus meiner Sicht zumindest.

 

immerhin...

freigeschaltet hat er - und mit einem länglichen zitat hat er dich auch erschlagen. wär ich jetzt in börlihn, tät ich's mal nachschlagen. schließlich möcht man etwas genauer den zusammenhang kennen, aus dem es gerissen.
der hit in tüten: zionismus hat mit anti-zionismus nix zu tun. heiliges schwein!

Ja, ja die Zitate

Eigenes, frei Formuliertes und jenseits von Schablonen bzw. Schubladen wäre mir lieber als dieses gespielt Wissende "friss Vogel, oder..."

Habe ebenfalls nachgeschlagen, nachgelesen. Nicht bei Adorno, sondern bei dem anempfohlenen Stephan Grigat. Gratwanderung nenne ich das, vorsichtig formuliert... Ansonsten und hier dokumentiert meine weitere Einlassung dort, die natürlich ebenfalls noch der Freischaltung harrt.

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Danke,

der Text von Stephan Grigat ("Zum Verhältnis von Kritischer Theorie und Israel") sowie die Zusammenstellung der Texte/Autoren war auch ohne expliziten Link auffindbar, von mir dann mit Interesse gelesen.

Zeigt es doch a) das wohl spezifisch "deutschsprachige" dieser selektiven Adorno-Rezeption; was keine Überraschung ist, wenn man gerade zum Thema Nahost via englischsprachiger Literatur und Medien unterwegs ist, gerade derer aus Israel und den USA.

Und b) ist Grigat's beinahe Gratwanderung, den Zionismus mit der Kritischen Theorie, deren Vordenkern halbwegs kompatibel zu machen deutlich erkennbar; als wenigsten zweitbeste Lösung, im Bunde (leider, leider) mit den Herrschenden, den Imperialisten, den Neokolonialisten, den (ehemaligen) Sklavenhaltern usw. sprich: den Konservativen bis Rechten - weil anderes nach Adorno, der diese Macht-und Herrschaftsverhältnisse eindeutig kannte und benannte, leider "vertagt" werden muss.

Insofern darf man wohl gern dem dahingehend von Grigat ausdrücklich erwähnten Moshe Zuckermann folgen, hatten die Frankfurter Denker eine durchaus akzeptierende, dennoch oft kritische Distanz zu der in Israel sich real manifestierenden Form von Zionismus. Zuckermanns aktuelle Schriftensammlung, seine Reflektionen der Kritischen Theorie "Wider den Zeitgeist Bd.II) seien daher hier empfohlen.

Einen wesentlichen Punkt hat wohl auch Grigat übersehen. Den der Negation von Diaspora durch den Zionismus. Marcuse blieb in den USA und Adorno/Horkheimer gingen gar zurück in das Land der Täter. Nach wie vor leben mehr Menschen jüdischen Glaubens in der Diaspora als in Israel, was bei dem auch im Blog diagnostizierten Antisemitismus durchaus verwundert. Schlimmer noch und von kritischen, eher liberalen bis linken israelischen Intellektuellen immer wieder zum Ausdruck gebracht, haben seit Anfang der 1990er die Millionen Einwanderer aus der ehemaligen SU das Land vollkommen verändert.

Und btw. Adornos Hinweis auf die Befürchtung der Nationalsozialisten, "die Ausbreitung eines jüdischen Nationalismus über die Landesgrenzen" sollte dabei nicht gering geschätzt werden, dies kann, ja muss in Anbetracht der aktuellen Entwicklungen wohl auch als Mahnung gelesen werden. Nicht einmal Israel selbst definiert seine aktuellen, seine zukünftig angestrebten Außengrenzen. Die bis 1967 geltenden sind faktisch Makulatur, wie gerade diese Tage und in erstaunlicher Offenheit von israelischen Regierungsmitgliedern zu lesen ist. Ein überwiegender Konsens im Rahmen des Völkerrechts (wie bei der Staatsgründung) scheint daher und bei der weltweit zunehmenden Isolierung Israels in immer weitere Ferne zu rücken; leider!

Und genau dies, die Sorge um das jüdische Projekt insgesamt treibt sogar gemäßigte Zionisten, treibt jüngere amerikanische Juden jenseits der berufsoffiziellen Strukturen um. Wie beispielsweise Peter Beinart; siehe dessen Blog "Open Zion", das gerade in den USA stark diskutierte Buch "The Crisis of Zionism" - ganz ohne Adorno...

 

gratwanderung?

ich tät ja eher sagen: mogelpackung. im bestreben, Israel als den staat der auf immer und ewig die shoah überlebenden jüdinnen zu retten, läßt Grigat alle anderen über die klinge springen. weshalb ihm das jederfraus+manns-recht notwehr zum jüdischen privileg gerät. und Israel zur fortsetzung von Auschwitz.

und?

was hat er so alles gesagt?
(mir ist leider beim video bei publicsolidarity mal wieder das system zusammengebrochen.... weshalb ich nicht weiter kam als bis zu der erstaunlich wandlung der kommunisten zu kapitalisten....)

Danke für den Hinweis,

...und gleich mal oben angefügt.

Ja, mit wenigen Sätzen habe ich oben im Blog bereits meinen relativ spontanen Eindruck wiedergegeben. Es sollte eigentlich um den zweiten Band gehen, Zuckermanns Reflektionen der Kritischen Theorie. Weil meinerseits dahingehend Nachholbedarf besteht, so hatte ich mich ja dann entschlossen, vorerst nur diesen zweiten Band zu kaufen; habe ansonsten Lesestoff genug.

Aber die Einlassungen, sowohl der beiden dort auf dem Podium als auch in der anschließenden Diskussion gingen natürlich darüber hinaus, waren breiter gefasst. Ein Thema war der Kotau der Linkspartei vor dem "neuen"Antisemitismusbegriff hierzulande vor gut einem Jahr. Was Zuckermann immer mal veranlasste, diesen Begriff von der bewußten Vermischung mit Antizionismus und Israelkritik zu lösen und entsprechend sauber zu definieren, der antideutschen Pseudowissenschaft gegenüber zu stellen.  

Ein weiteres Thema -und wie von Dir bereits angedeutet- war die Metamorphose von Teilen der Linken ab Anfang der 1990er hin zu kapitalistischer, gar reaktionärer und islamophober Grundierung. Ehemals Linke, und das betonte Zuckermann, die mit dem Judentum an sich nichts am Hut haben. Das deckt sich mit meinen Erfahrungen und dem was Robert Kurz zum latent rassistischen MMW geschrieben hat.

Dann eben immer wieder die Hinwendung zur Kritischen Theorie, ihre auch heute noch, wieder neu zu entdeckende Aktualität, auch wenn der kulturalistische, gehirnwaschende Zeitgeist vielfach zu Resignation führt. Und da steht Zuckermann wohl einem Marcuse (den er geliebt hat) näher als einem Adorno, ruft immer wieder dazu auf, sich einzumischen, verweist auf die globalen, systemischen Krisen, welche sich aktuell immer weiter zuspitzen, doch gesehen werden müssten...

Aber wohl einfach mal selbst sehen und hören, bei mir klappt das gut. Im zweiten Video ist gar mein Diskussionsbeitrag zu vernehmen, worauf Zuckermann umfangreich über die Ein/Zweistaatenlösung, deren "Wahl" zwischen Pest und Cholera unter einem bewußt undefinierten und ausweglosen Status Quo referiert. Es entwickelt sich dann eine Diskussion über den schon beinahe perfektionierten Verdrängungsmechanismus, der weite Teile der israelischen Gesellschaft erfasst hat. Zuckermann spricht in dem Zusammenhang der/jeder amerikanischen Administration den ernsthaften Willen ab, die Situation durch Druck gerade auf Israel (ein Stück weit auch auf die Araber) gestalten zu wollen, solange die hegemonialen Interessen Amerikas nicht ernsthaft gefährdet sind.