28 Apr 2011

"Ich will, dass man diesen Film liest"

Submitted by ebertus

Fassbinder über Fassbinder lautet der Titel des vor einigen Tagen veröffentlichten Beitrages, einer mit Sicherheit sehr subjektiven Rückschau auf den deutschen Film- und Theaterregisseur. Es geht mir dabei nicht um eine auch nur annähernd vollständige Darstellung seines Schaffens (das wäre vermessen), ebenfalls nicht um die Detailbetrachtung eines ausgewählten Stückes. Es ist, das sei zugegeben, keine Einführung in das Werk, eher in die Denke von Fassbinder und setzt in Teilen einen zumindest rudimentären Hintergrund voraus, dahingehend, was Fassbinders Werk für die bundesdeutsche Nachkriegsära aus künstlerischer, aber auch aus gesellschaftspolitischer Sicht bedeutet.

Die Basis bilden Interviews und Gespräche mit Fassbinder zwischen 1969 und 1982, über mehr als eine Dekade seines Schaffens, hier und heute mit einer entsprechenden (auch eigenen), zeitlichen Distanz. In loser und nicht unbedingt chronologischer Folge mögen die einzelnen Interviews ein Stück weit den Denkhorizont Fassbinders beleuchten. Manches klingt trivial, ist es u.U. auch, anderes scheint mehr als aktuell. In jedem Falle und selbst bei ggf. vorschneller Beurteilung sollte der zeitliche Abstand, die (deutsche) Entwicklungsgeschichte und der gesellschaftspolitische Rahmen dieser Post-68er Ära nicht vollkommen ausgeblendet werden. Das hier in Auszügen diskutierte Gespräch mit dem vorangestellten Titel entstand im Sommer 1974 und wurde geführt von dem dänischen Film- und Theaterkritiker Christian Braad Thomsen.

Rainer Werner Fassbinder über Fontane Effi Briest, über Anarchisten und Terroristen und über seine Frauen-Filme:

EFFI BRIEST ist mein Traumfilm, und dass ich ihn in Schwarzweiß gedreht habe liegt daran, dass mir diese Farben am besten gefallen. Diese ewigen roten und blauen Kodak-Farben wären nicht das richtige für EFFI BRIEST gewesen.

Fassbinder hebt in Ansätzen auf das vordergründig Plakative ab und vertieft diesen Gedanken im Sinne der Blogüberschrift hier. Buchtexte sind in der Regel ebenfalls in Schwarzweiss und wer hat in diesem Zusammenhang nicht schon mal über das sich (oft) einstellende, desillusionierende Gefühl nachgedacht, wenn man den Film nach der Lektüre des Buches anschaut. In diesem Zeitoun-Projekt des Freitag, bei den sich (zumindest ansatzweise) ergebenden Parallelen zu Jon Krakauers, "Into the wild" ist (mir) dieses Konstatieren einer möglichen Enttäuschung gerade wieder einmal deutlich geworden:

Wenn man mit Hilfe eines Films eine Handlung beschreibt, entspricht das eigentlich einer Handlung im Buch, aber dennoch gibt es da einen Unterschied, und der besteht darin, dass man beim Lesen eines Buches die Handlung selbst gestaltet, da sie ja nur in abstrakter Form vorliegt. Aber wenn man eine Handlung im Film zeigt, dann ist sie schon konkret und irgendwie damit fertig. Man kann dann als Publikum nichts mehr mitgestalten und diese Passivität wollte ich eigentlich bei EFFI BRIEST vermeiden. Ich will, dass man diesen Film liest. Diesen Film erlebt man nicht und er terrorisiert auch nicht den Zuschauer, sondern den muss man eben lesen.

Soviel vielleicht zu der immer mal geäußerten, beinahe generellen Kritik an den langen Einstellungen, der weitgehenden Abwesenheit von Zoom-Effekten, der eher ruhigen Ästhetik zumindest des frühen Fassbinder. Vom Habitus der Szenerie, der Figuren ist EFFI BRIEST - und im Gegensatz zur überwiegenden Mehrzahl der Fassbinder-Filme - eher in einem Milieu angesiedelt, welches man als "gehoben" bezeichnen wollte; und dennoch zur Darstellung des roten Fadens aller Fassbinder-Sicht auf den Menschen geeignet erschein; oder gar im Besonderen. Weil hier die Prozesse subtiler ablaufen, die von Abhängigkeiten, von der zunehmenden Unentrinnbarkeit, vom Scheitern in jeglicher nur denkbaren Form. Zur Frage des Interviewers nach dem gesellschaftspolitischen Anspruch des in Dänemark eher unbekannten Fontane antwortet Fassbinder:

Er lebte in einer Gesellschaft, deren Fehler er ganz genau erkennen und beschreiben konnte, aber dennoch war es sein inständiger Wunsch, zu dieser Gesellschaft dazu zugehören. Er fand vieles an der Gesellschaft abstoßend und kämpfte doch sein ganzes Leben darum, von der Gesellschaft als vollwertiges Mitglied akzeptiert zu werden.Und das, obwohl er das Milieu aus dem er stammte, grässlich fand; und das charakterisiert ziemlich genau auch meine Einstellung zur Gesellschaft.

So ist das Ambivalente, das schon mal Bigotte auch heute und nicht zuletzt in der "verrohenden Mittelschicht" (Heitmeyer Studie) zu finden. Der bourgeoise Bildungsbürger oszilliert zwischen dem (gern plakativen) "retten der Welt" und der sarrazinesken Besinnung auf eine doch sehr selektiv erkannte, abendländische Leitkultur. Und wer von uns werfe den ersten Stein aus diesem Glashaus, wer ist so edel und der Altruismus nicht nur eine notwendige Attitüde?

Eines ist klar, wird nun im Gespräch sofort noch deutlicher: Die kritische Hinterfragung des gesellschaftlichen Seins kommt in der Regel nicht - und dies ist keine Abwertung, eher ein zu konstatierender Fakt - nicht von den Lohnabhängigen, den Sklaven, den bildungsfernen Schichten. Deren Artikulierungsmöglichkeiten sind begrenzt, der Existenzdruck hoch und das Mantra von Brot und Spielen nach wie vor sehr wirksam, gerade auch unter den aktuellen, technisch-medialen Möglichkeiten, weit über Chomskys Propagandamodell hinaus. Die notwendige Kritik an der, keiner physikalischen Gesetzmäßigkeit folgenden Gesellschaftsentwicklung (auch wenn der herrschende, der neoliberale Diskurs dies, das eben Alternativlose glauben machen will), diese Kritik kann nur von intellektueller Seite kommen und in der Regel ohne wirklichen, physischen Existenzdruck. Dies war schon in der Antike so, im Mittelalter und hinein bis in die Jetztzeit, auch wenn so Mancher der Kritiker auf den virtuellen oder gar realen Scheiterhaufen sein Leben, zumindest seine ökonomische Existenz lassen musste. Die Frage an Fassbinder, warum er (zu dieser Zeit, 1974) keinen Film über die RAF-Thematik, über die Kinder der Bourgeoisie gemacht habe führt daher zu eben diesen Reflektionen:

Das stimmt schon, aber ich interessiere mich vor allem dafür, wie man diese Kraft, über die diese Leute verfügen, positiv anwenden kann. Für mich ist es heute wichtig, positive Filme zu machen, und das sind ja ausgesprochen begabte Leute. Die haben eine intellektuelle Potenz und eine übersensible Verzweiflung, von der ich halt nicht weiss, wie man sie überhaupt konstruktiv anwenden könnte. Und weil sie das selbst nicht wissen, haben sie zu diesen wahnsinnigen methoden gegriffen, da sie trotz ihrer Stärke und Sensibilität nicht weiter gekommen sind. Sie waren furchtbar ungeduldig. [...] Die haben geglaubt, weil soviele Leute auf den Straßen demonstrieren, dass es da eine wirkliche Massenbewegung gibt, und dann wurde ihnen klar, dass es diese Bewegung doch nicht gab, als es darauf an kam. Und deshalb endeten sie in einer verzweifelten Isolation, in der sie nur noch zum Äußersten greifen konnten. Aber mal ganz ehrlich, ich weiss nicht, was die sonst hätten tun sollen. ich weiss nicht, wie die ihre Verzweiflung in etwas Positives umsetzen können; und deshalb kann ich heute keinen Film über sie machen...

"Politische" oder schlicht Kriminelle, der mediale Mainstream, die political correctness bedient sich beider Varianten, so wie es gerade opportun erscheint. Ein Tabu waren und sind Äußerungen, wie diese hier von Fassbinder, und soweit der erwartete "Kopf-ab"-Reflex nicht sofort und deutlich zelebriert wird, so ist der Sympathisant sehr schnell erkannt, von Heinrich Böll über Fransiska Drohsel bis Claus Peymann. Natürlich, der kritische Intellektuelle, der Künstler oder Literat braucht heutzutage und hierzulande die nächste Laterne, den nächsten Baum als rein physikalische Endstation nicht direkt zu fürchten, aber die Drohung einer Beeinträchtigung, gar eines Entzuges der ökonomischen Existenz ist in subtiler Form nach wie vor gegeben.

Zum Abschluß dieser kleinen, ersten Rückschau möge ein Thema, eine Frage von Christian Braad Thomsen aufgegriffen werden, die darauf abzielt, warum (der frühe) Fassbinder überwiegend Frauen als Darsteller verwendet, als Medium und Projektionsfläche seiner Sicht auf die Gesellschaft; wäre dabei noch nachzutragen. Das antiteater (ohne "h") war die Keimzelle des Fassbinder-Kollektives, nicht so spektakulär, so medial gehypt, dem Bourgeois Zucker gebend wie ähnliche Konstellationen um Uschi Obermeier und Rainer Langhans, aber dennoch ebenfalls "irgendwie" sexualisiert. Fassbinder selbst bekennt sich (später) offen zu seiner Bisexualität, was in anderen Interviews der hier verwendeten Buchvorlage mehr oder weniger direkt zum Ausdruck kommt. Fassbinder nennt die ersten neun, vielfach autobiografischen Filme "zu elitär, zu privat und eigentlich nur für uns und unsere Freunde gemacht". Die darin enthaltene, oft lediglich implizit dargestellte Sexualität, die Aggressionen, die Gewalt, die Abhängigkeitsverhältnisse waren mit Sicherheit und nicht zuletzt Reflektionen des Seins, auch im brüchigen Schutz dieses Kollektivs, eines Thematisierens  anstelle von introvertiertem Leiden. Aus einer gewissen Distanz sieht Fassbinder dies nun relativ locker, wengleich ebenfalls nur angedeutet, der Fantasie anheim gestellt:

Ich bin Frauen gegenüber genauso kritisch wie Männern. Aber mir geht es eben so, dass ich das, was ich über die Gesellschaft sagen will, besser anhand von Frauenfiguren klarmachen kann. Frauen sind interessanter, weil sie einerseits unterdrückt sind, und andererseits sind sie das überhaupt nicht, sonderen wenden ihre Unterdrückung als effektives Terrormittel an. Männer sind so simple gesellschaftliche Wesen, die sind viel langweiliger als Frauen. Es ist auch viel lustiger, mit Frauen als mit Männern zu arbeiten, denn mit Frauen kann man viel verrücktere Sachen machen. Männer sind immer so sachlich und ein bisschen primitiv in ihren Ausdrucksformen. Mit Frauen kann man weinen und schreien, und die kriegt man zu einer ganzen Menge Sachen rum, während es mit Männern so leicht langweilig wird. Und besonders meine Frauenfilme hat man oft dafür kritisiert, dass sie pessimistisch seien. Meiner Meinung nach gibt es genug Gründe, um Pessimist zu sein; aber eigentlich sehe ich meine Filme nicht so.

Damit von den Frauen zum Pessimismus an sich und zu Fassbinders Credo:

Wenn man in einem Film, der pessimistisch endet, den Leuten einige Mechanismen klarmacht, warum es so geht, dann ist ja die Wirkung des Films nicht pessimistisch. Ich versuche nie, die Wirklichkeit zu reproduzieren, sondern mein Ziel ist es, Mechanismen transparent zu machen, damit den Leuten klar wird, dass sie ihre Wirklichkeit verändern müssen.