23 Aug 2014

Trolle und Saboteure

Submitted by ebertus

ZEIT-Online kämpft für uns! ZO: "Tausende prorussische Kommentare überfluteten etwa in den vergangenen Monaten den Kommentarbereich zur Ukraine-Berichterstattung deutscher Nachrichten-Websites"...

Gleich mal einen Kommentator dort bei ZO zitiert:

"Ich finde, daß ist ein scheinheiliger Bericht. Ich bin kein Troll und habe speziell Etwas gegen die Russenphobie in der Zeit. Um die Accounts kenntlich zu machen, schlage ich folgendes Procedere vor: es darf nur Derjenige posten, der auch ein nachgewiesenes Zeit-Abo hat. Komischerweise werden sie sich wundern, daß viele "Trolle" immer noch nicht verschwunden sind. Bei ihnen sind doch alle Kommentare, die der uns aufgetischten Meinung widersprechen, von Trollen. Das ist mir zu billig."

Da bleibt für die informell stromlinienförmigen Medien wohl nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera; nebst einiger Varianten, versteht sich.

Die Pest, das sind die Trolle, die Saboteure der sprachgeregelten Trennung zwischen Gut und Böse, zwischen hehren Demokraten und den Schurken(staaten). Diese Trolle wären, wenn es sie denn in substantieller Zahl gäbe durch verifizierende Anmeldeprozeduren zu begrenzen - oder eben auch nicht...

Die Cholera dagegen ist der Paywall, von den Verlagen zwar gebetsmühlenartig beschworen und dennoch kaum umgesetzt, lägen die Folgen im Dunkeln, in der Tiefe. Nicht ohne Grund nennt sich das entsprechende, gerade durch die Feuertaufe gehende Projekt eines bekannten Wochenmagazins gleich mal "Eisberg".

Ok, wie die Titanic werden die Verlage und ihr zunehmend virtuelles Angebot nicht enden, die Leute auf den Brücken der medialen Schlachtschiffe wissen um die Gefahr, dürften im Falle seriöser Havarie zu einer halbwegs geordneten Evakuierung in der Lage sein; vielleicht auch schon mal vorab von Bord gehen...

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Was (mir) bei den diversen Statements, dem "in eigener Sache" der verschiedenen Medien, deren schon mal erkennbarer operativer Hektik auffällt, das ist ein beinahe gespieltes, augendeckelklapperndes Verstehen; und sich dann doch auf unverbindliche Nebenkriegsschauplätze begeben, daran abarbeiten.

Trolle, wie hier bzw. von ZO als Aufhänger verwendet, die sind en vogue, kommen jedoch in dem viel gepriesenen, zur Abwehr der großmedialen Apokalypse entwickelten sogenannten Leistungsschutzrecht überhaupt nicht vor.

Schlimmer noch ergeht es dem Qualitätsjournalismus, der sein Geld wert sein müsse, wie allenthalben kolportiert wird. Dabei haben wir (Wessis) doch bereits mit der systemischen Muttermilch vermittelt bekommen, dass Angebot und Nachfrage in einem gesunden Verhältnis stehen müssen um für beide, für alle Seiten zum Erfolgsmodell zu werden. Die Frage, ob es überhaupt ein entsprechendes Nachfragepotential gibt, die wird an keiner Stelle der Leidenslaudatio wirklich gestellt, erst recht nicht vertieft.

Journalismus, vorzugsweise Top-Down und gern qualitätshaltig gehört nicht zu den Grundbedürfnissen des Menschen, ist nicht auf den unteren Ebenen der bekannten Bedürfnispyramide angesiedelt. Aber genau dort hin, auf diese untersten Ebenen werden auch hierzulande immer mehr Menschen verwiesen. Und die stromlinienförmige höhere Bildung (Bachelor etc.) ist an einem partikularen Wirtschaftsinteresse ausgerichtet, sollen die Absolventen funktionieren, nicht philosophieren; letzteres und im weitesten Sinne verstanden dann die Domäne des Qualitätsjournalismus wäre.

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Ein letzter Punkt und ebenfalls nicht Bestandteil der Leidensgeschichte, deren Aufarbeitung ist das sog. Web 2.0 (beim Spiegel gar bereits 3.0), sprich: die Interaktion mit dem User. Denkwürdige Artikel, wie dieser von Bernd Graff in der SZ (Erstveröffentlichung Ende 2007) markierten die Positionen, bestimmen sowohl die intellektuelle, wie auch die faktisch dann gelebte Hierarchie. So gab es damals zwar noch keine Putin-Trolle, aber die Muster und Begründungen für eine Reglementierung der SZ-Community waren -nach meiner Erinnerung- ähnlich bis gleich.

Bei gesellschaftlich relevanten Medien bzw. Themen sind -auch hier bei derFreitag erkennbar- jüngere Menschen eher selten anzutreffen, die FC beispielsweise von einem mittleren bis fortgeschrittenen Alter der aktiven TeilnehmerInnen geprägt. Selbstvermarktung nebst subtiler Werbung gibt es zwar, im Normalfall und jenseits der Einkipper/Abkipper (deren Geschäftsmodell sich mir nur selten erschließt) jedoch nicht von denen, die regelmäßig und aktiv teilnehmen. Und das sind Wenige, hier in der FC (gefühlt) kaum mehr als zweistellig an der Zahl.

Insofern -und gestern beim Frisör, den dort ausliegenden (Tages)zeitungen und Zeitschriften exemplarisch zu erkennen- stellt sich die Frage nach den echten Abonnenten, den realen Personen und jenseits der Firmen, Institutionen, anderer organisatorischer Einheiten, welche aus den verschiedensten Gründen ein Abo halten (müssen) .

Das Modell der Krautreporter und jenseits eines der Realisierung harrenden Inhaltlichen ist die ideale Testarena für viele strukturelle und organisatorische Fragen der Branche. Die Mehrzahl der Abonnenten dürften reale Einzelpersonen sein, obwohl eine offene Lesbarkeit der Texte angekündigt ist, neben dem Gefühl von Solidarität mit den Machern, deren Initiative den Abo-Haltern lediglich verschiedene Benefits (Kommentierungsmöglichkeit etc.) winken. Technisch und organisatorisch eine wirkliche Herausforderung für die Plattformbetreiber, soweit das Abo aktiv teilnehmend genutzt wird.

Der dann gelebte rechtliche Rahmen dieses Projektes der Krautreporter dürfte ebenfalls ein spannendes Studienfeld werden. Da nahezu alle Abonnenten über den Zahlvorgang zu identifizieren sind, so dürften sich rechtsrelevante Vergehen die von Amts wegen zu verfolgen wären in Grenzen halten, es in der Regel auf die persönliche Ebene (Beleidigung etc.) hinaus laufen. Was nicht ausschließt -und hier besteht der erhebliche Unterschied zu Plattformen, auf denen anonym kommentiert werden darf- dass subtiler bis offener Druck auf den Betreiber ausgeübt wird; dieser allfällige Trolle dann reglementieren, gar sanktionieren müsste. Immerhin handelt es sich gerade nicht um ein priwatwirschaftliches Hausherrenmodell mit Netiquette und ansonsten absoluter Freiwilligkeit der Leistungserbringung durch den Betreiber.

Wie die entsprechenden AGBs (rechtskonform) ausgestaltet sind, das wäre interessant zu erfahren, den Gang der Dinge zu erleben.